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Mark di Suvero
(1933 in Shanghai, China - lebt in New York, Kalifornien, Chalon-sur-Saône)

"Es musste früher oder später geschehen", so emphatisch begrüßt der New Yorker Kunstkriti-ker Sidney Geist 1960 die erste Einzelausstellung von Mark di Suvero in einer Besprechung der Zeitschrift "Arts", "dass ein Bildhauer kommen würde, dessen Werk nicht einfach nur beeindruckend oder interessant oder auchaufregend ist, sondern das ein anderes Adjektiv verdient wie großartig, das über unser unmittelbares Miterleben hinaus in die Geschichte eingehen würde."

Abfallmaterialien und Bewegungsmotive

Wenige Monate, nachdem Tinguely seine Maschinen-Skulptur aus Schrottelementen im Skulpturengarten des New Yorker Museum of Modern Art aufgebaut hatte und diese sich in einem halbstündigen Spektakel selbst zerstörte, tritt der 27jährige Mark di Suvero mit einer ganz eigenen bildhauerischen Ästhetik an die Öffentlichkeit. Seine Arbeiten verbinden industrielle Abfallmaterialien mit Bewegungsmotiven - in der geistigen und räumlichen Nachbarschaft auch zu Robert Rauschenbergs Bildobjekten und Skulpturen mit Alltagsmaterialien und Zivilisationsmüll.

Mark di Suvero verwendet zu jener Zeit gesägte und behauene, stahlrohrumkleidete Balken und Bretter, die aus dem Hausbau stammen, kombiniert diese mit Leitern, Fässern, Stühlen oder anderen Alltagsobjekten und verbindet diese labil erscheinenden Konstruktionen durch Stahlstifte und Seile. Anders als Jean Tinguelys motorisierte, wild bewegte Skulpturen oder Rauschenbergs plastische Pop-Ikonen, die den Betrachter zur Benutzung animieren, thematisieren di Suveros Arbeiten das Moment der Bewegung in einem zeichenhaften, symbolischen Sinn.

Dimensionssprung zur monumentalen Präsenz

Im Gegensatz zu ihrer faktischen Statik und ihrer zentrierten Ruhe erwecken di Suveros Skulpturen die Vorstellung, Träger dynamischer Ausdruckskräfte zu sein, die aktiv in den umgebenden Raum ausgreifen. Der vorherrschende Eindruck ist der einer nur latenten, imaginären Beweglichkeit, auch wenn es gelegentlich bewegliche Teile an seinen Skulpturen gibt. Mitte der 60er Jahre, als Mark di Suvero das Atelier und den Galerieraum gegen den städtischen und natürlichen Freiraum tauscht, kommt es zu einem dramatischen Dimensionssprung. Seine aus Bauholz, Metallstützen und T-Trägern gebauten Skulpturen sind nun von monumentaler Präsenz, bewahren jedoch stets in ihren Größenverhältnissen eine auf den Menschen bezogene Maßstäblichkeit.

gegen die Zweckrationalität unseres großstädtischen Gefüges

Über drei Jahrzehnte hinweg hat der Künstler diese Aspekte differenziert. Für die frühen wie für die aktuellen Arbeiten gilt, dass ihre einfachen, überschaubaren Ordnungen, ihre Offenheit, ihre Zugänglichkeit und Transparenz den Betrachter animieren, sie physisch zu erobern. Man möchte unter ihnen hindurch und um sie herum gehen, nahe an ihnen emporblicken oder sie von Ferne in ihren immateriellen Verspannungen mit dem jeweils sie umgebenden Raum erleben. Die ungebändigt scheinende Dynamik seiner Arbeiten richtet sich gegen die Zweckformen unserer Lebenswelt, gegen den "rechten Winkel". Die individuelle Gestalt seiner Skulpturen wendet sich gegen die Zweckrationalität unseres großstädtischen Gefüges.

explosiver Faktor innerhalb einer vorgegebenen Ordnung

Im Blick auf die 1988 für den Stuttgarter Schlossplatz geschaffene Skulptur "Etoile du Jour" aus rot bemaltem Stahl schrieb Tilman Osterwold: "Die öffentlich fixierte Skulptur bringt die festgelegten örtlichen Strukturen quasi in einen Zustand der Bewegung, sie wirkt als explosiver Faktor innerhalb einer vorgegebenen Ordnung; die künstlerische Ordnung begegnet und widersteht den Normen landschaftskultureller Strukturen und der jeweiligen Stadtmöblierung.
Dieser Wirkung kommt die Eigengesetzlichkeit der Skulpturen di Suveros zugute: Die rationale Grundkonzeption wird durch sinnliche, sinnenhafte, irrationale, spielerische und regelrecht körperliche Faktoren in einen unberechenbaren, scheinbar chaotischen Zustand verrückt, der sich immer wieder seiner Stabilität zu vergewissern scheint.

Politische Grundbegriffe

In Mark di Suveros Verständnis von Skulptur im Freiraum treffen sich die künstlerischen Kriterien einer gemeinschaftlich anonymen und zugleich individuell erlebten Gesellschaft. Mark die Suvero versteht Grundbegriffe wie Freiraum, Ordnung, Kreativität und Öffentlichkeit aus einem ausgesprochen politischen Bewusstsein heraus, es geht ihm um die individuelle Selbstbestimmung, Selbsterhaltung und ,Standfestigkeit' innerhalb sozialer, ästhetischer und hierarchischer Muster - dargestellt durch Kunst."

Wer vergleichbare Skulpturen di Suveros in Europa sehen möchte, muss derzeit noch von Stuttgart aus weit reisen: in den Park des holländischen Kröller-Müller Museums, Otterlo, nach Chalon-sur-Saône, zwischen Dijon und Lyon gelegen, wo der Künstler einen zeitweiligen Wohnsitz hat - und nun nach Berlin, zum Potsdamer Platz.