François
Morellet (1926
in Cholet, Frankreich - lebt in Cholet)
François Morellets von ihm selbst formulierte Lebensbeschreibung
ist so knapp wie auf-schlussreich in ihrer Selbstironie: "1948-75
Industrieller, ab 1946 verheiratet, ab 1950 abstrakter Maler,
1960-68 Mitglied von GRAV (Groupe de Recherche d'Art Visuel),
ohne künstlerische Ausbildung, ohne Auszeichnungen."
Sachlichkeit,
radikale Reduktion und Humor
Im
Jahr 1953 entsteht im Atelier von Morellet ein Bild, das als
programmatisch für sein gesamtes späteres Werk bezeichnet werden
kann: "16 Quadrate", schwarze, senkrecht und waagerecht verlaufende
Linien, die die Bildfläche in 16 gleich große
Vierecke unterteilen.
Es
ist das Jahr, in welchem Jean Tinguely
von Basel nach Paris zieht und hier seine ersten kleinen, mechanisch
bewegten Skulpturen schafft. So sehr sich das Werk beider Künstler,
die eine jahrzehntelange Freundschaft verband, im Ergebnis unterscheidet,
so sehr sind sie doch beide in ihrer grundlegenden Motivation
durch vier Begriffe zu charakterisieren: Radikalität, Zufall,
Humor und spielerische Bewegung.
Zufall
und Spiel
Sachlichkeit
und radikale Reduktion von Morellets Frühwerk "16 Quadrate",
das der Künstler bis in die 90er Jahre mehrfach variiert, haben
im Paris jener Zeit keinen Vergleich. Humor
ist laut Morellet Familientradition seit Generationen: "Unter
Humor verstehe ich in erster Linie eine auf sich selbst und
die gelebten Situationen anzuwendende Ironie. Hierin
drückt sich eine ganze Kultur aus."
Über
die Bedeutung von Zufall und Spiel in seinem Werk sagt Morellet
1991: "Mein Zufall ist mit dem konzeptuellen
Spiel bei Hans Arp und Sophie Taeuber verwandt, die ihre
Vierecke nach dem Gesetz des Zufalls aus dem Hut zogen, um sie
dann übereinander zu kleben. Im Grunde sind es diese Spiele
und Systeme, die mich am meisten fasznieren." Mitte der 50er
Jahre beschäftigt sich Morellet mit der Gestaltung
des Bildfeldes als einer tendenziell unendlichen, über
die Begrenzungen des Bildes hinausreichenden Struktur.
Jedoch wird die ,künstlerische Phantasie' im traditionellen
Sinne (implizit die malerische Geste im ,all-over' eines Jackson
Pollock) konsequent ausgeschlossen, indem Morellet zuvor
Prinzipien und Systeme festlegt, die hinsichtlich der
realisierten Werke zu unterschiedlichen, zufallsgebundenen Ergebnissen
führen können.
"Zufällige
Verteilung von 40.000 Vierecken,
den geraden und ungeraden Ziffern eines Telefonbuches folgend"
Für
das gesamte Werk Morellets gilt, dass ihn
die Methode mehr interessiert, als das bildnerische Endresultat
- wobei er größte Sorgfalt darauf verwendet, dass letzteres
vom Betrachter sowohl als ästhetisch befriedigend wie als visuell
attraktiv wahrgenommen wird. In den 60er Jahren differenziert
Morellet die Möglichkeiten zufallsgebundener Systeme weiter.
Er
bezieht kinetische Momente und,
sehr früh, ab 1963 Neon als Material mit
ein: "Vier zufällige Verteilungen von zwei Quadraten, den Zahlen
31 41 59 26 53 58 97 93 folgend" (1958) oder "Zufällige Verteilung
von 40.000 Vierecken, den geraden und ungeraden Ziffern eines
Telefonbuches folgend" (1961) sind Titel seiner Arbeiten. In
den 70er Jahren setzt Morellet sich mit dem Verhältnis
von Bildfigur, Bildträger und den ihn umgebenden Raum
auseinander, indem er diese auseinander dividiert und in eine
instabile Lage versetzt.
"architektonische
Desintegrationen"
Erste
Aufträge für Arbeiten im öffentlichen Raum erlauben ihm, diese
Untersuchungen - er bezeichnet sie als "architektonische Desintegrationen"
- auch für größere Zusammenhänge
an und in öffentlichen Gebäuden fruchtbar zu machen.
In
Compiègne überzieht er Boden und Außenwände des Centre culturel
mit einem parallelen Orthogonalraster aus schwarzen, roten,
blauen Keramikfliesen. Im Skulpturenpark des Rijksmuseum Kröller-Müller
in Otterlo und für ein Bauwerk im Pariser Vorort La Défense
verwendet er lackierte Stahlbalken, die einen kontroversen
Dialog mit der naturgegebenen oder architektonischen Formensprache
eingehen.
In
Paris, Nantes und anderen Städten konnte Morellet spektakuläre
Neonarbeiten realisieren, die in der Dunkelheit horizontale
und vertikale Strukturen der Gebäude unterstreichen. In anderen
Fällen (zum Beispiel in Groningen) sind es eigenwillige Geometrien,
die in die bauliche Textur eindringen und den sichtbar
dominierenden Charakter anarchisch-spielerisch unterwandern.
In
einem 1991 geführten Interview resümiert Morellet mit der ihm
eigenen Nonchalance: "Also ich hoffe, dass man mich schon längst
nicht mehr ernst nimmt, ganz besonders, was die Grenzen der
Geometrie betrifft. Außerdem glaube ich, bereits einige überschritten
zu haben, und fühle mich furchtbar dazu verdammt, noch andere
zu finden. Was die nächsten Jahre betrifft, halte ich es wie
die Wetterfrösche: sich abschwächende Ernsthaftigkeit mit launischen
Aufhellungen entlang der ganzen Senilität bis an den Rand des
Todes."