Jeff
Koons
Balloon Flower 1995
- 99
Chromedelstahl und Transparentlack, 289 x 335 x 274 cm
Jeff
Koons (1955 in York, Pennsylvania - lebt in New York)
Die
Pop Art, als deren wichtiger früher Vertreter Robert
Rauschenberg mit seinen "Combine paintings" und Skulpturen der
zweiten Hälfte der 50er Jahre gelten kann, formulierte um 1960 gegen
die vorherrschende abstrakte Malerei eine neue
positive Sicht der realen Lebenswelt mit all ihren banalen, leer
laufenden und kitschigen Facetten: "Für mich gibt es keinen
Unterschied zwischen Kunst und Leben" (Rauschenberg). 1968 erklärte
die New York Times die Pop Art für
tot, und mit ihr verschwanden auch sekundäre Phänomene wie der "Pop
Art Lifestyle" mit seiner 24-Stunden-Party-Stimmung, nächtlichen
Debatten in New Yorker Lofts, Happenings oder von Künstlern gestalteten
Alltagsgegenständen in Pop-Manier.
Ausbeutung
der Sprache des Pop und ihrer Vermarktung
Als
um 1980 eine Künstlergeneration auftrat,
die strategisch und bedenkenlos an
die zwei Jahrzehnte zuvor propagierte Feier des Profanen und der
massenmedialen Produktion anknüpfte, war das Erstaunen daher umso
größer. Diese Generation, zu der neben Koons etwa Richard
Prince, Sherrie Levine, Louise Lawler, Meyer Vaisman oder
Haim Steinbach gehörten, überbot
ihre Vorläufer noch durch eine zynische
Mischung aus Kitsch und Ästhetik, Verführungsstrategien und
Überrumpelungstaktiken, durch eine aggressive und kompromisslose
Ausbeutung der Sprache des Pop und ihrer Vermarktung.
"Inflatables",
"The Pre-New" und "The New"
Jeff
Koons verblüffte die Kunstwelt, als er in seiner ersten
Einzelausstellung 1980 im New Yorker New Museum of Contemporary
Art mit drei geschlossenen Werkgruppen auftrat, die
wie das Produktsortiment einer neu gegründeten Handelskette
erschienen: "Inflatables" ("Aufblasobjekte"), "The Pre-New" und
"The New". Die erste Gruppe besteht aus Blumen
und Spielzeug aus aufblasbarem Gummi,
auf Spiegelsockeln platziert, die die aufgeblasene Leere der Objekte
vervielfachen. In "The Pre-New" präsentiert Koons Alltagsobjekte,
aufmontiert auf Plastikleuchtröhren. Mit nagelneuen Reinigungsgeräten
in sterilen Leuchtvitrinen in der Werkgruppe "The New" knüpft
Koons an die Ready-Mades Marcel Duchamps
vom Jahrhundertbeginn an. Koons interessiert "ein psychologischer
Zustand, der an Neuheit und Unsterblichkeit gebunden ist: Die Gestalt
entstand direkt durch das Betrachten eines leblosen Objekts - eines
Staubsaugers -, das Dank seiner Stellung unsterblich sein konnte."
strategische
Raffinesse
Für
diese frühen wie für aktuelle Arbeiten des Künstlers gilt, dass
es im eigentlichen Sinn obszöne, pornografische
Artefakte sind, die mit kalter strategischer Raffinesse die
reine Schaulust des Betrachters ansprechen - eine Taktik kalkulierter
Verführung, die Koons nicht ,erfindet', sondern in unserer auf
Glückserlebnis und Konsum abonnierten Gegenwart vorfindet.
Dieses ,Vorfinden' realisiert Koons jedoch, indem er den Gebrauchswert
seiner Gegenstände vernichtet.
,Commodity
Broker'
Koons,
der Ende der 70er Jahre für das Museum of Modern Art als Werbemanager
gearbeitet und anschließend als ,Commodity Broker' an der Wall Street
sein finanzielles Geschick perfektioniert hat, weiß darüber hinaus
wie kaum ein anderer Künstler seine sterile, auratisierte
Objektwelt den Gesetzen des Kunstmarktes
anzupassen. Beide Strategien gemeinsam sind es, die seine Werke
im Kunstzusammenhang, nach Duchamp und Warhol, relevant werden lassen.
Die
Stilisierung des Jungfräulichen, "Unsterblichen" (Koons), Makellosen
und Unverbrauchten durch Vernichtung des Gebrauchswertes verbindet
die sexualisierten frühen Objekte mit den pornografischen Bildern,
die Koons mit seiner zeitweiligen Frau Ilona
Staller (als italienischer Pornostar besser bekannt unter
dem Namen "Cicciolina") inszeniert
hat. "Made in heaven" (1989-92) ist der zusammenfassende Titel dieser
Arbeiten, die neben den Bildern auch Skulpturen umfassen, die nach
den Fotos des Paares entstanden sind, sowie einen holzgeschnitzten
Pudel oder süßliche Engelsköpfe.
"Das
Banale kann unsere Rettung sein"
In
Deutschland wagte als erster Kasper König, den umstrittenen Künstler
1987 zu seiner Skulpturenschau im Stadtraum
von Münster einzuladen. Koons ließ eine Münsteraner Traditionsfigur
im Stadtzentrum, den "Kiepenkerl", in Edelstahl abgießen, auf Hochglanz
polieren und den alten durch den neuen "Kiepenkerl" ersetzen. Dessen
spiegelnde Oberfläche ließe, so Koons, "die
Seele entweichen; zurück bleibt, unter der Oberfläche, die Erniedrigung".
Aufsehen erregte auch Koons monumentale Blumenskulptur "Puppy",
errichtet 1992 für Schloss Arolsen, zeitlich parallel zur "documenta"
von Jan Hoet.
Ende
der 90er Jahre arbeitet Jeff Koons an einer neuen Werkgruppe,
betitelt "Celebration" ("Feier"), für welche er motivisch auf
Spielzeug, Fastnachtsbeiwerk oder pompös
dekorierte Kuchenstücke zurückgreift. Großformatige
Bilder, die erstmals manuell entstehen, und monumentale
Skulpturen sind Teil der Serie, von welcher erste Beispiele im
Sommer 1997 in Venedig und Münster zu sehen sind.
"Ich glaube", so beschreibt Koons, "gerade heute kann das Banale
unsere Rettung sein. Banalität ist eines der wichtigsten uns zur
Verfügung stehenden Mittel. Sie ist eine große Verführerin, denn
sie wirkt unterschwellig auf die Gefühle. Das ist ja das Entwürdigende
- weil man nicht davon bedroht wird."