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Untitled (The Boxers)

Keith Haring
(1958 in Kutztown, Pennsylvania - 1990 in New York)

Zwei Fixpunkte sind für den künstlerischen Start des zwanzigjährigen Keith Haring entscheidend: die Heroen der Pop Art um 1960, Robert Rauschenberg, Roy Lichtenstein und vor allem Andy Warhol, mit dem Haring seit 1983 eng befreundet war, und das skulpturale Werk von Alexander Calder und Jean Tinguely. Letzteren bewunderte Haring für "das Einfache, Klare, Poetische" seines Werks, "das jeden anspricht. Auch Kids mögen ihn, weil sein Werk Geist hat, weil es aus dem Geist kommt ."


 

"...wirklich große Mengen von Menschen ansprechen und anregen..."
Wenn Rauschenberg und Tinguely auf je eigene Weise an der möglichst verlustlosen Umsetzung der Kunst ins Leben, an deren ,Benutzbarkeit' und ,Nützlichkeit' auch für den nicht spezifisch kunstinteressierten Menschen gearbeitet haben, so hat Keith Haring dieser euphorischen Lebenszugewandtheit der Kunst noch einmal neue Dimensionen hinzugewonnen.

In der ersten Hälfte der 80er Jahre zeichnet er immer wieder vor den Augen der Menschen in den U-Bahnen oder vor Passanten auf der Straße: "Für mich war es ein richtiges philosophisches und soziologisches Experiment. Ich zeichnete dort immer tagsüber, es gab also immer Leute, die zuschauten. Es gab immer Konfrontationen... Vielleicht ist es eine romantische Vorstellung: der Künstler als Künstler der Menschen, als Sprecher der Menschen, als Teil der allgemeinen Bevölkerung und Kultur... Kunst als Sache, die wirklich große Mengen von Menschen ansprechen und anregen kann" (Haring 1990).

Kreidezeichnungen auf überklebten Werbeflächen

Keith Haring, aufgewachsen in einer Kleinstadt, zieht 1978 nach New York und studiert an der School of Visual Arts, unter anderem bei Joseph Kosuth und Keith Sonnier. Er experimentiert im Medium Video, entwickelt mit Künstlerkollegen Theateraktionen und Performances, zeichnet abstrakt und malt. 1979 entstehen seine ersten Kreidezeichnungen auf den schwarz überklebten Werbeflächen in der New Yorker Untergrundbahn, die wenig später zu seiner Entdeckung durch den Kunstmarkt und seinem kometenhaften Aufstieg führen werden.

Markenzeichen

1979 ist das Entstehungsjahr der ersten Werkgruppe von Jeff Koons, den "Inflatables"; Tinguely stellt im Frankfurter Städel seine Klang-Skulptur "Klamauk" aus und empfängt erste große Ehrungen; Mark di Suvero stellt vor der Northwestern Bank in Minnesota seine Skulptur "Inner Search" auf; Morellet arbeitet an seinen labilen Überlagerungen von geometrischer Bildform und Bildträger sowie an Aufträgen für öffentliche Gebäude; Rauschenberg stellt in New York seine "Spreads and Scales" aus, Tübingen zeigt sein zeichnerisches Werk, Berlin eröffnet 1980 seine erste deutsche Retrospektive.
Eine Lichtshow am Broadway steht 1980 am Anfang der öffentlichen Wirksamkeit Keith Harings: einen Monat lang leuchtet auf einer großen Anzeigentafel alle 20 Minuten für jeweils 30 Sekunden ein kniendes und krabbelndes Baby auf, umgeben von einem Strahlenkranz. Das Motiv sollte zu einem Markenzeichen des Künstlers werden, ebenso wie der bellende Hund, der Delphin, die Schwangere, die fliegende Untertasse, Debbie Dick und die Pyramide.

obsessiv aufgeladene Zeichensprache

Harings Bildwelt reichert sich in der ersten Hälfte der 80er Jahre motivisch immer mehr an, ohne dass es im üblichen Sinn eine Werkentwicklung geben würde. Sein comichaft reduzierter "Strich", der als durchgezogene Umrisslinie Figuren, Tiere und Gegenstände zu einem unauflöslichen Muster, einem Pattern verschlingt, ist mit seinen ersten U-Bahn-Zeichnungen praktisch ‚fertig'.
Der Künstler braucht die visuellen Welten nur noch auszubeuten und anzuverwandeln: Von den allgegenwärtigen medialen Bildwelten seiner Zeit bis zurück zu den orgiastischen Verwandlungsschauspielen in den Bildern von Hieronymus Bosch oder Michelangelo. Zwitterwesen, Bildschirme, Totemköpfe oder Flugzeuge, diese Bildwelten bindet der Künstler in eine obsessiv aufgeladene, sexuelle Zeichensprache ein, mit welcher er ebenso kindlich-ungehemmt wie gezielt provozierend seine Homosexualität zur Schau stellt.

"...eine Art Suche nach der Unsterblichkeit"

Harings labyrinthischer, mäandernder Zeichenstil kann sich sofort auf alles werfen, was seine Phantasie stimuliert: Sportplätze, Bühnenbilder, Kostüme, den nackten Körper von Grace Jones, die Berliner Mauer, Billboards, Hauswände oder T-Shirts.
Ab Mitte der 80er Jahre entstehen Skulpturen, die aussehen, als hätte der Künstler die figurativen Kürzel seiner Bilder einfach ausgeschnitten, vergrößert und bemalt. Der Entwicklung dieser Skulpturen, die er am liebsten in Parks und auf Kinderspielplätzen sah, hat sich Keith Haring in den Jahren, bevor er 1990 an Aids starb, besonders gewidmet: "Ein Gemälde ist in gewissem Sinn immer noch eine Illusion des Materials. Aber wenn man so etwas aus Stahl schneidet und aufstellt, wird es zu etwas Wirklichem... Es hat eine Macht, die ein Gemälde nicht hat. Es hat dieses Gefühl von Dauer und Realität, das viel, viel, viel länger existieren wird, als ich jemals existieren werde, und darum ist es eine Art Unsterblichkeit... Alles, was man macht, ist eine Art Suche nach der Unsterblichkeit" (Haring 1989).