Gelandet,
2002
Permanente Skulptur für den Potsdamer Platz Berlin, Schellingstraße
Eisen 7 x 9 x 12 m
Der
1937 in Friesland geborene Auke de Vries ist seit Mitte der
70er Jahre international vor allem mit seinen Skulpturen für
den öffentlichen Raum hervorgetreten. In Europa prägen seine
physiognomisch-erzählerischen Metallgeschöpfe signifikant urbane
Plätze in Amsterdam, Barcelona, Hannover, Magdeburg, Ludwigsburg,
Rotterdam oder Yorkshire/Wakefield.
Seine
Skulpturen bestechen unmittelbar durch ihre Poesie und Leichtigkeit,
durch eine oft halsbrecherische Statik und überraschende Materialkombinationen.
Nicht
auf den ersten Blick sichtbar, dafür umso eindrucksvoller
ist die punktgenaue Konzeption
der Skulpturen auf ihre urbane und strukturelle
Umgebung hin. Auke de Vries' zeichnerischen und plastischen
Entwürfen für öffentliche Projekte gehen über Monate oder
Jahre sich hinziehende Recherchen der je spezifischen Bedingungen
und Nutzungszusammenhänge voraus: Licht und Geräusche, Verkehrsströme
und Fußwege, das Verhältnis von Architektur / Natur und Raum,
die historische Entwicklung umbauten Raumes ebenso wie stadtplanerische
Perspektiven - all das ist Gegenstand seiner plastischen Analysen.
Am
Ende stehen groß dimensionierte, abstrakte Schöpfungen vor
dem Betrachter, die ebenso prägnant und überraschend wie humorvoll
sind und welche die diffizile Ingenieurskunst vergessen machen,
die ihnen zugrunde liegt.
Auke
de Vries beginnt Mitte der fünfziger Jahre, parallel zu einer
technischen Ausbildung, mit der Malerei. Seither in Den Haag
lebend, arbeitet er zunächst als Dekorateur und technischer
Zeichner und bildet sich künstlerisch in den sechziger Jahren,
vor allem während zahlreicher Reisen und Auslandsaufenthalte,
autodidaktisch weiter.
In
den 60er und 70er Jahren entstehen Zeichnungen, Radierungen
und kleinere Skulpturen. Von 1972 bis 1996 hat der Künstler
eine Professuren Den Haag und Amsterdam inne. Seit
etwa 1980 existiert eine stilistisch kohärente Werkgruppe
abstrakt-konstruktiver, graphisch anmutender Eisenskulpturen,
die von einer extensiven zeichnerischen Produktion flankiert
werden.
autonome"
und öffentliche" Arbeiten
Auke
de Vries' kleiner dimensionierte Skulpturen für Sockel und
Boden wie auch seine Arbeiten für den öffentlichen Raum -
der Künstler selbst spricht von autonomen" und öffentlichen"
Arbeiten - bezeichnen eine markante Position im Kontext der
zeitgenössischen Skulptur.
Fotos: Victor E. Nieuwenhuijs
Die
materiale Ausgangsbasis des Künstlers ist Eisen in Form eines
dünnen Blechs, gebogenen Bandes, als Stab oder dünner Draht.
Es entstehen masse- und körperlose,
Volumen verleugnende Konstruktionen ohne Zentrum, die
sich ihre Haltepunkte in einem immer neu zu definierenden
Raum suchen. Gelegentlich werden andere Materialien integriert
und setzen so einen auch farbigen Akzent.
Den
Schritt zu einer teilweisen Bemalung der ansonsten unbearbeitet
belassenen Eisenflächen in den Jahren 1986/87 empfindet Auke
de Vries selbst als Übergang zu Neuem.
der
Erfahrung gründlicher Instabilität aller Lebenslagen und aller
Erkenntnisse ein Bild geben
Auke
de Vries hat in den vergangenen 25 Jahren zahlreiche monumentale
Skulpturen für europäische Großstädte geschaffen. In Rotterdam
hat er eine 200 m lange hängende Skulptur über die Wellen
des Flusses Maas ausgespannt. In Barcelona erhebt sich eine
fünfteilige filigrane Figuration über der Stadt. In Ludwigsburg
haben die Bürger eine Großskulptur auf der meistbefahrenen
Kreuzung der Stadt zunächst heiss und kontrovers diskutiert,
sie mittlerweile aber stolz als ihr urbanes künstlerisches
Zentrum angenommen.
Ausgangspunkt
des plastischen Denkens von Auke de Vries ist die Vorstellung
eines Körpers ohne vorgegebene Definitionen, ohne Masse, ohne
Volumen, ohne Zentrum. Seine Frage ist: Wie kann ich auf die
Konsequenzen wissenschaftlicher Entwicklungen, von der Relativitätstheorie
bis zur Biopolitik, als Künstler reagieren? Die Skulptur muß
- so Auke de Vries - der Erfahrung gründlicher Instabilität
aller Lebenslagen und aller Erkenntnisse ein Bild geben; ein
Bild aber, das diese Erfahrung dann als positiven Freiraum
der Phantasie begreift und sichtbar macht.
Auke
de Vries Skulpturen schaffen "Raum" für eine andere Sicht
der Welt, für eine Sicht auf die Welt. Die waghalsige Equilibristik
von "Gelandet" signali-siert ihre Loslösung aus allen Bedingtheiten
und nähert sie der Freiheit des Vogelflugs.