Wenige Objekte
des 20. Jahrhunderts haben wie Gerrit Rietvelds Rot-blauer Lehnstuhl
von 1918-23 so sehr ins Bewusstsein gehoben, dass die Perspektive, die
wir einnehmen, unsere Einschätzung, den Wert' ein Dinges
bestimmt - Nützlichkeit? Schönheit? Funktionalität? Oder:
Möbel? Skulptur? Plastisches Bild? - Die rationale Gestalt und
primäre Farbigkeit des Rietveld'schen Originals verband sich mit
der Utopie, dass die Aufhebung der Grenzen zwischen Kunstwerk und Gerbrauchsgegenstand
die Vision einer idealen Gestaltung der Umwelt erfahrbar werden lässt.
Zwei jüngere
Positionen unserer Ausstellung Minimalism and Applied nehmen Rietveld
zum Ausgangspunkt neuer zeitgenössischer Verortungen - man könnte
auch sagen: Erdungen - der Rietveldschen Utopie.
Nic Hess hat in einem Nachbau des Rot-blauen Lehnstuhls diesem
eine majestätisch hohe Rückenlehne gegeben und ihn mit farbigen
Tapes am Boden fixiert.
Richard Merkles Wandstühle machen,
wie Rietveld, die funktionalen Elemente über eine zugeordnete Farbigkeit
visuell lesbar, überwinden aber darin zugleich die reine Funktionalität
in Richtung auf eine minimalistische Bildsprache. Das Sitzelement als
Gegenstand, dem sowohl nützliche wir ästhetische Momente eignen
können, durchzieht charakteristisch die Ausstellung. Da sind zunächst
zwei Klassiker des 20. Jahrhunderts, Max Bills/Hans
Gugelots Ulmer Hocker, von 1954, und zwei von Donald
Judd 1987 entworfene Stühle. Die Schau bezieht aber mit
Konstantin Grcic' schwarzem Polsterstuhl
Chaos, 1999, auch einen der herausragenden Designer der Gegenwart ein:
Georg Winter hat dem Grcic Stuhl eine Nackenrolle
verpasst und dem Nutzer des Ensembles einen Monitor als Medium eines
kontemplativen Denkens gegeben.
Drei Positionen - Zobernig, Zittel, Shirayama
- diskutieren die Auseinandersetzung mit der amerikanischen Minimal
Art der 1960er Jahre. Die acht farbigen Schaumstoffkuben Zobernigs,
ursprünglich für sein UCS Fernsehstudio entworfen, kann man
wie eine Minimal-Skulptur von Robert Morris im Raum positionieren, auf
die Seite gelegt aber ergeben sie eine unkonventionelle Sitzlandschaft.
Eine ebenso unübersehbare wie unwiderstehliche Einladung zum Sitzen,
Lesen, Reden ist Andrea Zittels A-Z Pit Bed, das 2001 nach spezifischen
Vorgaben für die Sammlung gefertigt wurde. Zittel hat Judd's Minimal
Möbel in die Gegenwart weiter entwickelt; jüngste Referenz
auf die Minimal Art - hier auf John McCracken - ist schließlich
die an der Wand lehnende Bierbank mit Leuchtfarbe-Akzenten der 1980
geborenen Londoner Künstlerin Meg Shirayama.
Anton Stankowski,
der zunächst um 1930 von Zürich, dann bis zu seinem Tode 1998
von Stuttgart aus das Graphikdesign revolutioniert hat, daneben aber
immer bildkünstlerisch präsent war, wird pars pro toto mit
seinem berühmten Logo für die Deutsche Bank sowie als Maler
vorgestellt. Der langjähriger Atelierpartner von Stankowski, Karl
Duschek, ist gleichermaßen als Grafikdesigner wie als konkreter
Künstler bekannt geworden.
Shusako Arakawa, 1961 von Japan nach New
York gewechselt, ist mit Bildern seiner konzeptuell-minimalistischen
Phase aus den 1960er Jahren präsent; daneben stehen seine visionären
Architekturentwürfe, an denen er zusammen mit Madeline Gins seit
etwa 1970 arbeitet. Auch Franz Erhard Walther
ist, neben seinen handlungsbezogenen Skulpturen, seit 1990 mit signifikanten
Bauten hervorgetreten.