Etwa vierzig Künstler
der Sammlung sind deutschen Nachkriegstendenzen vorwiegend aus dem süddeutschen
Raum zuzurechnen, die Kunstgeschichtsschreibung fasst die Namen von Ackermann
bis Zangs unter Rubriken wie Lyrische Abstraktion, Informel,
Tachismus, Stuttgarter und Karlsruher Schule,
Zero und Zen 49.
Kurt
Sonderborg
ohne Titel; 1959
Tempera auf Photoleinwand
109 x 70 cm
Den Nukleus in
diesem Bereich und die wesentliche Brücke zu den Vertretern der
Klassischen Moderne um Hölzel vom Beginn des Jahrhunderts bildet
Willi Baumeister. 1946 - 55 hatte Baumeister
eine Professur an der Kunstakademie Stuttgart inne und publizierte 1947
seine wegweisende kunsttheoretische Schrift Das Unbekannte in
der Kunst.
Baumeister wird
zum inspirierenden Freund und Mentor des Sammler-Ehepaares Ottomar und
Greta Domnick, beide als Fachärzte für Psychiatrie und Neurologie
in Stuttgart tätig, die im Januar 1947 in ihrer Praxis eine Ausstellungsreihe
mit Künstlern wie Baumeister, Fritz Winter,
Max Ackermann und anderen beginnen. Parallel laden die Sammler
zu abendlichen Vorträgen über abstrakte Kunst und ebenfalls
1947 veröffentlicht Ottomar Domnick die Schrift Die schöpferischen
Kräfte in der abstrakten Malerei. Im nahen Esslingen tritt
der Kunsttheoretiker und Philosoph Kurt Leonhard mit der bis heute in
seiner Bedeutung unterschätzten Schrift Die heilige Fläche.
Gespräche über moderne Kunst an die Öffentlichkeit.
Damit kann die theoretische Grundlegung des Informel und der abstrakten
Avantgarden im Nachkriegsdeutschland für das Jahr 1947 in Stuttgart
verortet werden, ein Faktum, das in der kunstgeschichtlichen Literatur
so bislang nicht gewürdigt wurde.
Classical :
Modern II nimmt die für ihre Zeit singuläre und weit voraus
weisende Ausstellungsinitiative Domnicks aus dem Winter 1946/47 zum Ausgangspunkt,
wobei die dort vertretenen Künstler den Auftakt unserer Ausstellung
markieren: Ackermann, Baumeister, Meistermann, Ritschl
und Winter, dazu ergänzt haben wir vier Schüler von Baumeister
aus der Zeit um 1950, Bernd Berner, Peter Brüning,
Günter Fruhtrunk und Charlotte Posenenske. Letztere ist 2002
zuerst durch Erwerbungen für die Daimler Sammlung und aktuell durch
ihre Teilnahme an der Kasseler documenta wiederentdeckt worden.
Ebenfalls Schüler
bei Baumeister in Stuttgart war Georg Karl Pfahler,
der seinen Lehrer beschrieb als einen "Weltmann schwäbischer
Prägung, Pariser Typ, sehr kenntnisreich, ein Herr". Der große
Raum im Ausstellungsrundgang des Daimler Contemporary Berlin widmet sich
den Malern der Stuttgarter Schule der 1960er Jahre mit Pfahler,
Otto Herbert Hajek, Thomas Lenk und Lothar Quinte. Gast in dieser
Runde ist die Stuttgarter Malerin Erdmut Bramke.
Fritz
Winter
Vor und hinter Blau; 1968
Öl auf Leinwand
98 x 131 cm
Rudolf
Schoofs
New York; 1984
Öl auf Leinwand
190 x 250 cm
Vom Informel
entwickelten die Künstler der Stuttgarter Schule eine
großflächige, das traditionelle Bildformat objekthaft sprengende
Farbfeldmalerei, die zugleich die Verbindung zu Architektur und Stadtplanung
suchte. Ihre Werke waren 1967 zusammen mit denen amerikanischer Zeitgenossen
im Württembergischen Kunstverein Stuttgart unter dem Titel Formen
der Farbe in einer epochemachenden Ausstellung vereint. Pfahler
hatte bereits 1954 die Stuttgarter Gruppe mitbegründet,
eine Name, unter dem später vor allem ein Literatenkreis um den in
Stuttgart lehrenden Philosophen Max Bense in Deutschland und Frankreich
bekannt werden sollte.
Der Rundgang setzt
sich fort mit einer Hindeutung zu den bekannteren Zentren des Informel
in Deutschland mit Berlin, München und Düsseldorf. Zu den
frühen, bis heute aktiven Wegbereitern in diesem Kontext gehört
in München Rupprecht Geiger, der -
zusammen mit Künstlern wie Ackermann, Baumeister,
Thieler, Wildemann und Winter - die Gruppe ZEN 49
ins Leben rief. 1960/61 kam Uwe Lausen aus Tübingen nach München
und nahm hier Kontakt zu den Mitgliedern der Gruppe Spur
auf. 1961 wird der junge wilde Informelle zu einem dreiwöchigen
Jugendarrest verurteilt wegen gotteslästerlicher und pornografischer
Äußerungen in einer Zeitschrift der Gruppe Spur.
Karl Fred Dahmen hatte seine materiell-amorphen
Farbräume Anfang der 1950er Jahre in Paris entwickelt, bevor er
1967 eine Professur in München annahm.
Der Berliner Bildhauer Bernhard Heiliger
repräsentiert - wenngleich mit Werken der 1980er Jahre - in unserer
Ausstellung den Aspekt informeller Skulptur. Fred
Thieler war 1954 aus München nach Berlin gewechselt und
hat hier als Lehrer seit 1959 wesentliche Impulse gegeben. In Paris
war Thieler auf K.R.H. Sonderborg getroffen.
Der vielreisende Norddeutsche Sonderborg lehrte von 1965 bis 1990 in
Stuttgart, womit der Bogen zurück zu unserem Ausgangsort geschlagen
ist. Düsseldorf, seit der Gründung von Manfred de La Mottes
Galerie 22 im Jahr 1957 die eigentliche Hochburg des Informel,
ist bei uns nur durch ein Bild des Rheinländers Gerhard
Hoehme am Rande angedeutet.
Repräsentative
Werke von Jan Henderikse und Heinz
Mack beleuchten die Übergänge vom Infomel zur Gruppe
Zero, die 1957 in Gestalt der Abendausstellungen im Düsseldorfer
Atelier von Otto Piene gegründet wurde
und als deren Gäste auch Künstler des Informel teilnehmen
wie Hoehme, Thieler, Dahmen oder Geiger. Die in diesen Horizont integrierten
Bildobjekte von Alfonso Hüppi und Herbert
Zangs sind im Strahlungsfeld von Zero zu interpretieren, die
Stuttgarterin Christa Winter formuliert
eine zeitgenössische Antwort.
Unsere Ausstellung
schließt mit einem Blick auf die Maler der Karlsruher Schule: der
hoch bedeutsame Lehrer HAP Grieshaber und
seine Schüler Horst Antes, Walter Stöhrer,
Dieter Krieg, ergänzt um Positionen, die mit Stuttgart (Rudolf
Schoofs und sein Schüler Herbert Egl),
bzw. mit Karlsruhe (Arthur Stoll als Schüler
von Antes) eng verbunden sind.