Das cervus nippon
yesoensis, oder Hokkaido-Sikahirsch, ist eine aus Ostasien stammende
Hirschart, die heute in vielen Gegenden der Welt vorkommt. Auch in Deutschland
hat sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts aus entflohenen und umgesiedelten
Tieren eine wild lebende Population von Sikahirschen entwickelt. Kohei
Nawa hat sein im Daimler Contemporary ausgestelltes Exemplar
weder in der Hokkaido-Region noch in Deutschland gefunden.
Nawa beginnt seine
Suche in den wohlbekannten Internet-Suchmaschinen, verfolgt die elektronischen
Spuren bis in die Online Auktionshäuser und erwirbt schließlich
den gewünschten Artikel direkt am Bildschirm - alles im World Wide
Web. Bei der sich anschließenden Bearbeitung bedeckt der Künstler
die Oberfläche seiner Objekte - von Spielzeugen bis hin zu Schuhen
oder Musikinstrumenten - gänzlich mit Glasprismen und Glasmurmeln.
Sämtliche auf diese Weise entstandenen Werke der so genannten "PixCell"-
Serie bewahren zwar ihre ursprüngliche Eigenschaft, jedoch erhalten
sie eine zweite Haut - eine "Lichthülle". Auf diese Weise
bringt Nawa dem Betrachter die Besonderheiten des digitalen Zeitalters
nahe und belegt, wie sehr die Realität der Dinge von deren Wahrnehmung
abhängt.
Nawas Materialien
und Techniken sind stets durch die kulturellen Ausdrucksformen und die
materiellen Möglichkeiten geprägt, die mit seinem jeweiligen
Arbeitsort verbunden sind. So erweiterte der Künstler auch in Berlin
seine persönlichen Ausdrucksmöglichkeiten: Vor Ort begann
der Künstler, die regelmäßig vor seinem Studiofenster
wechselnden Graffitis zu studieren und mit der Oberflächenstruktur
seiner entstehenden Zeichnungen zu vergleichen. Das dabei entstandene
Bewusstsein für die außergewöhnlich haptische Komponente
seiner Zeichnungen nahm Kohei Nawa mit zurück nach Japan.
Kohei Nawa wurde
1975 in Osaka in Japan geboren. Er lebt und arbeitet in Kioto.
"Cheering
for Art"
Hiroharu Mori
Hiroharu Mori hat,
aufgrund seiner langjährigen Auslandsaufenthalte, eine Sensibilität
für interkulturelle Unterschiede und gesellschaftliche Schnittstellen
entwickelt. Aus dieser Perspektive entdeckt er kulturelle und soziale
Abnormitäten', die es ihm gelingt einzufangen und, meist
humorvoll, in seinen Videoarbeiten pointiert herauszustellen.
In dem Video "After
a Painting" offenbaren sich Moris Wurzeln in der Malerei: Das scheinbar
unveränderliche Motiv verweist auf Vermeers "Milchmagd"
aus dem Jahr 1658 und überführt diese malerische Inkarnation
der Stille' mittels zeitgemäßer Videotechnik in die
Jetztzeit. Alle räumlichen Gegebenheiten werden ausgeblendet zugunsten
der Konzentration, unterstützt durch die horizontale Komposition
und eine perfektionierte Schnitttechnik, auf die allein wahrnehmbare
Bewegung des Ausschenkens von Wasser. Stille und Zeitlosigkeit des projizierten
Bildes lassen in der alltäglichen Handlung ein archetypisches Moment
aufscheinen.
Das Video "Cheering
for Art" hat Mori während eines Art Scope-Aufenthaltes in
Berlin konzipiert. Vor Ort beobachtete der Künstler die Gepflogenheiten
in der lokalen Kunstszene und war insbesondere von der scheinbaren Zwanglosigkeit,
der Begeisterung und den exzellenten Ausstellungsmöglichkeiten
beeindruckt, die sich für zeitgenössische Künstler in
Berlin bieten. Zurück in Japan schärfte dieser neuer Erfahrungshintergrund
seine Wahrnehmung für die Eigenarten der japanischen Kunstwelt.
Mori engagierte in Tokyo eine Gruppe von studentischen Cheerleadern,
die in drei einstudierten Performances die Vorzüge der zeitgenössischen
Kunst lautstark agitieren. Das Video versucht den Betrachter auf eigentümlich
japanische, fast militärische Art und Weise für die "Künste"
aufzumuntern. Dahinter allerdings steht das tief in der japanischen
Mentalität verankerte Moment des "Sich-Selbst-Verspottens".
Hiroharu Mori,
1969 geboren, lebt und arbeitet in Yokohama, in der Präfektur Kanagawa.
Katja Strunz
Sommerblumen auf
einer Wiese, ein Wald voller Pilze, oder doch eine Sammlung fernöstlicher
Schlaginstrumente - die Assoziationsmöglichkeiten für den
Betrachter sind mannigfaltig. Langsam und ohne es zu merken wird man
in die Phantasie der Künstlerin hineingezogen, gerät ins Taumeln
und vergisst sich im Dickicht der Parasols. Diese Idee der "Invasion"
ist ein zentrales Thema der Skulpturen, Objekte und Installationen von
Katja Strunz. Ihre Arbeitsweise ist eng verbunden mit der Technik des
"Faltens", erkennbar insbesondere in ihren minimalistischen
Wandreliefs.
In "Einladung zur Angst" werden wir aufgefordert, die sich
wie in einer Gefahrensituation entfaltet haben, uns gedanklich im Schutz
der Parasols an der Schnittstelle von konkreter Gestalt"
und Abstraktion einzufinden. Das Abstrakte ist für Strunz, die
sich hier auf Italo Calvino bezieht, das Leichte, Immaterielle und Ideelle
- ein schwereloses Gegenstück zur opaken Dichtigkeit dieser Welt.
In diesem unheimlich anmutenden Moment des Loslassens entsteht die zeitliche
Diskontinuität, welche die Objekte und Installationen von Katja
Strunz einzufangen versuchen, um sich im gleichen Moment räumlich
wieder zu entfalten.
Katja Strunz, Jahrgang
1970, studierte in Mainz und Karlsruhe Philosophie, Kunst und Grafik.
Sie lebt und arbeitet in Berlin.
Clara
Schumann Radio Station
Georg Winter
Am Rosenmontag
vor 153 Jahren sprang Robert Schumann, in der Absicht seinem Leben ein
Ende zu setzen, in den Rhein bei Düsseldorf. Der Selbstmordversuch
misslang jedoch kläglich. Schumann, nur im Morgenmantel gekleidet,
wurde von Rheinschiffern, die ihn erkannten, aus dem Wasser gezogen
und anschließend von einer Horde Schaulustiger mit einer Maskerade
nach Hause geleitet.
Diese existenzielle
Situation des bekannten deutschen Komponisten nahm Georg Winter während
seines Tokio-Aufenthaltes zum Anlass, sich mit den Widersprüchen
der Natur-Utopien deutscher Romantiker und den heutigen urbanen Gegebenheiten
in Japan auseinanderzusetzen. Winter entwickelte im Rahmen seines fernöstlichen
Forschungsprojektes die "Clara Schumann Radio Station".
Seit mehr als 15
Jahren leitet Winter, als geschäftsführender Direktor, die
Geschicke von Ukiyo Camera Systems. UCS ist ein Entwicklungsbüro
für Kameratechnik und neue Medien und zugleich die Dachorganisation,
unter der die komplex verzweigten künstlerischen Aktivitäten
des Künstlers zusammengefasst werden. Den aus dem Japanischen stammenden
Begriff "Ukiyo" übersetzt Winter mit dem Satz: Die Achtsamkeit
für den Augenblick überwindet die Traurigkeit vor dem Verrinnen
der Zeit.
Winter hat dafür, unter der Firmierung von Ukiyo Camera Systems,
eine breite Palette von Instrumentarien entwickelt - Fotokameras, Notebooks,
Mobiltelefonen oder TV-Kameras -, die in der Anwendung das konventionelle
Verständnis von Medienbegriffen um grundlegende Fragen der sozialen
Interaktion, sinnlich-motorischer Aktivitäten und der Entsprechung
von Wort und Handlung erweitern.
Georg Winter, geboren
1962 in Biberach im Schwarzwald, hat an der Staatlichen Kunsthochschule
Stuttgart studiert. Er lebt und arbeitet in Stuttgart und Budapest.