RW: Anupam, würden Sie uns freundlicherweise erzählen, wie Ihre
Sammlung begann?
AP: Nun, meine Mutter hat in den späten 1970er, den 1980er und den
frühen 1990er Jahren ein breites Spektrum der damals zeitgenössischen
indischen Kunst ihrer Generation gekauft. Wenn ich mich nicht irre, hat
sie um 1995 aus verschiedenen Gründen aufgehört, weitere Kunstwerke
anzukaufen. Wir waren in zahlreiche Geschäftsprojekte involviert
und wollten außerdem keine weitere Kunst erwerben, da wir keinen
Platz hatten, sie zu zeigen.
Wir sind dann in
ein neues Haus gezogen, und in meinem Teil des Hauses habe ich mich mit
der Sammlung meiner Eltern nicht besonders verbunden gefühlt. Sie
stammte nicht aus meiner Generation und sagte mir nichts. Darüber
hinaus war die Größe einiger Kunstwerke unpassend. In unserem
neuen Haus wollte ich mich nur auf einige wenige Arbeiten konzentrieren,
also habe ich 2000 angefangen, Kunst anzukaufen. Zunächst waren es
Werke für bestimmte Wände, aber das änderte sich mit der
Zeit, denn als die Wände voll waren, wollten wir noch weitere Kunst
erwerben. Wir taten dies, weil wir uns daran erfreuen wollten, in der
Hoffnung, irgendwann mit den Arbeiten leben zu können, auch wenn
das nicht sofort möglich war.
Anupam
Poddar vor einer Arbeit von Subodh Gupta,
Mit der
Zeit ist daraus auf sehr schöne Weise eine leidenschaftliche Obsession
geworden. Ich denke, dass es wirklich eine Sucht ist - gleichzeitig ein
Genuss, da sie meine Gedanken auf vielerlei Weise von all den ernsten
Dingen des Lebens ablenkt. Außerdem merke ich, dass Kunst wirklich
meinen Geist dazu führt, einen Gegenstand oder eine Idee auf ganz
neue Weise zu betrachten. Künstler, die interessante Kunst schaffen,
haben sehr viel Mut, unsere Welt auf ihre eigene Weise zu sehen. Da mir
dieser Mut fehlt, genieße ich ihre Perspektive.
RW: War es am Anfang
eine definitive Entscheidung, weiterhin indische Kunst zu sammeln oder
hatten Sie es in Betracht gezogen, später auch internationale Kunst
in Ihre Sammlung aufzunehmen?
AP: Nein, es war
ganz klar, dass wir uns weiterhin an indische Kunst halten wollten.
Da unsere Sammlung langsam wuchs, war uns das zu Beginn jedoch gar nicht
richtig bewusst. Wir haben zunächst einfach auch in der Absicht
angekauft, Indien zu fördern, nicht nur die Kunst. Es hätten
auch Textilien, Architektur oder Design sein können. Wir fühlten
uns der Idee verpflichtet, Indern eine Chance zu geben, die sie auf
andere Weise vielleicht nicht gehabt hätten. Mit weiteren Ankäufen
gewann die Sammlung einen spezifisch indischen Charakter mit einigen
wichtigen Arbeiten, die unsere Generation widerspiegeln.
Wir haben Werke
gefunden, die historisch oder politisch von großer Bedeutung waren.
Ein weiterer Wechsel ergab sich durch die Idee, eine Stiftung mit Sitz
in Delhi zu gründen. In der heutigen indischen Kunstwelt gibt es
wenige Ausstellungsräume, die nicht auf Profit ausgerichtet sind.
Damit begann sich unsere Sammlung in eine andere Richtung zu entwickeln.
Um das Ganze innerhalb unserer Region etwas interessanter zu gestalten,
wollten wir die Kunst des Subkontinents zu einem späteren Zeitpunkt
mit einbeziehen. Genau das tun wir jetzt, indem wir die indische Kunst
mit anderen vergleichen. Wissen Sie, hier in Indien mögen wir zwar
geographisch sehr nah an Pakistan oder Afghanistan sein, aber wir wissen
nicht, was in der Kunstwelt dieser Länder passiert. Es dürfte
beispielsweise interessant sein, Videokunst aus Afghanistan zu sehen.
RW: Würden Sie es selbst als eine Art Fortschritt werten, Ihre Sammlungsbestände
von Malerei, Grafik und Wandarbeiten auf die Medienkunst erweitert zu
haben?
AP: Absolut. Unser
Schwerpunkt lag am Anfang auf Malerei und anderen Arbeiten, die man einfach
an einer Wand aufhängen kann, und ist dann schnell zur Skulptur übergegangen.
Ein weiterer Grund dafür war auch, dass wir genug Räume für
Skulpturen und Installationen hatten. Ein Bedenken blieb jedoch anfänglich:
Konnten wir in einen Wohnraum hineingehen und mit der Installation leben?
Ein großer Teil des Raumes würde ja aufgrund solch großer
Arbeiten nicht mehr nutzbar sein.
Es gibt alle möglichen
Hindernisse in unseren Köpfen. Je tiefer wir in die Kunstwelt eindringen,
desto wichtiger wird es, diese vorformulierten Regeln zu brechen. Ich
weiß nicht genau, wie der nächste Schritt aussehen wird, aber
ich sage auch weiterhin, dass wir Kunst unvoreingenommen betrachten, ohne
räumliche und materielle Einschränkung im Hinblick auf die Ausstellung
sowie die Lagerung. Beispielsweise war Videokunst vor fünf oder zehn
Jahren ein neues und spannendes Medium. Heute wird es von vielen Leuten
auf der ganzen Welt eingesetzt. Malerei kann jedoch immer noch neu und
frisch sein.
RW: Anupam, Besucher
Ihrer Sammlung sind, neben der Kunstobsession, stets sehr interessiert
auch ein wenig über die Geschichte der Familie zu erfahren.
AP: Nun, ich komme
aus einer Familie, bei der beide Seiten stark in der indischen Industrie
engagiert sind. Wir stammen aus Rajasthan, aus einer Marwaris genannten
Volksgruppe, die traditionell die Händler und Geldleiher der Gegend
waren. Mit diesem Hintergrund also
RW: Welche Art von
Geschäften? Können Sie das genauer sagen?
AP: Das Hauptgeschäft
der Familie ist eine Papierfirma in Südindien, vermutlich eine der
drei größten Papierfabriken in Indien. Der andere Geschäftsbereich
ist das Hotel, um das ich mich kümmere. Die Familie engagiert sich
auch für wohltätige Zwecke, beispielsweise für Tiere.
Bharti
Kher,
Spit
Bindi (gefärbter Filz und Klebstoff), Bettlaken
Esszimmer
mit Skulptur von Ravinder Reddy,
RW: Seit wann leben
Ihre Eltern in Delhi? Waren Sie im Ausland?
AP: Seit ungefähr
30 Jahren. Ich bin nach England gegangen, um mein Abitur zu machen,
und blieb dann auch für das Studium an der Universität. Außerdem
habe ich Erfahrungen in einigen Banken gesammelt. Insgesamt war ich
sieben Jahre im Ausland, vor allem an unterschiedlichen Orten in England,
unter anderem in London. Aber ich bin auch viel gereist. Da der Lehrplan
der Universität dies ermöglichte, habe ich jeden Sommer die
Gelegenheit genutzt, in einem anderen Land entweder die Sprache zu lernen
oder dort zu arbeiten. Als ich dann schließlich nach Indien zurückkehrte,
hatte ich in London gelebt - natürlich -, aber auch in New York,
Madrid, Paris und auch sechs Monate in Deutschland. Es war aufregend,
einfach in so jungen Jahren die Welt sehen zu können.
Als ich zurückkam,
meinte meine Familie, dass ich hier in Indien leben und an dem Hotelprojekt
arbeiten sollte. Also habe ich es versucht und ich muss sagen, ich glaube
nicht, dass ich irgendwo sonst auf der Welt glücklicher sein könnte.
Die Möglichkeiten, die Indien heute bietet, sind immens und ich
denke, es gibt hier Leute mit einem gewissen Bildungshintergrund, die
in jedem Bereich etwas bewegen können. Es ist interessant, Teil
des Indien von heute zu sein.
RW: Wenn ich dies
richtig verstanden habe, haben Sie auch versucht, Künstler mit
Auftragsprojekten in das Hotelgeschäft zu integrieren, das sie
gerade aufbauen. Stimmt das? Könnten Sie das ein wenig erläutern?
AP: Bei dieser
Idee ging es eigentlich darum, sehr viel mehr mit Kunsthandwerkern zu
arbeiten, denn Rajasthan - die Gegend, in der wir einen alten befestigten
Palast aus dem 18. Jahrhundert renoviert und zu einem Hotel mit dem
Namen Devi Garh umgebaut haben - verfügt über
eine solch reiche Tradition im Kunsthandwerk. Wegen der architektonischen
Struktur sind alle Zimmer unterschiedlich. Selbst heutzutage baut niemand
Häuser, in denen alle Zimmer genau gleich sind. Hotels neigen aus
Gründen der Effizienz dazu, dies zu tun, aber das Gebäude
zwang uns, die Dinge anders zu machen. Wir wollten mit Handwerkern vor
Ort und lokalen Materialien das neue Gesicht Indiens präsentieren.
Zu diesen Arbeiten gehören unter anderem Wandmalereien, Fresken
und Intarsien.
Das Hotel folgt
auch kommerziellen Aspekten, aber die Größe erlaubt es, zu
träumen und interessante Dinge in die architektonischen Details
des Gebäudes einzubringen. Es ist faszinierend. Der Reichtum indischen
Handwerks legt ein solches Vorgehen nahe, da es hier jedes Material
gibt und auch Leute, die mit diesen Materialien arbeiten können.
Außerdem ist es bezahlbar. Heutzutage lassen sich diese Gebäude
im Westen nicht so einfach bauen, aber hier ist es möglich
RS: Ja, wir haben
immer noch diese lebendige Tradition. Das ist das Einmalige an Indien.
Wir haben die Industrialisierung, aber wir haben immer noch das ganze
Kunsthandwerk, und all das ist etwas, das man nicht einfach in eine
Schublade stecken könnte.
AP: Es ist auf
allen Ebenen eine lebendige, vielfältige Kultur, genau wie Sie
sagen. Viele dieser Dinge bestehen nebeneinander und finden gerade im
Moment statt. Das zeigt sich auch in der Kunstwelt. Sie sehen Leute
mit unterschiedlichem Hintergrund, die von ihrer Region oder ihrer Kindheit
beeinflusst wurden.
RW: Wir haben in
den letzten beiden Tagen über das Problem gesprochen, dass die Preise
für die wichtigsten Künstler in Indien extrem unausgewogen sind.
Wie gehen Sie mit diesem offenbar überhitzten Markt um?
AP: Mir scheint,
dass Kunst zu einer Ware geworden ist, die die Leute als Investition betrachten
und darüber reden, wie über etwas, mit dem man Handel betreibt,
beinahe wie Gemüse oder Aktienhandel. Leute kaufen und verkaufen
Kunst, um Gewinne zu erzielen. Ich denke, die Menschen haben verlernt,
Kunst zu sehen und zu erkennen, ob sie wirklich bis zum Ende ihres Lebens
mit einer bestimmten Arbeit leben wollen. Mein Kriterium beim Kauf eines
Kunstwerks ist, dass ich nicht mehr ohne es leben kann. Im Augenblick
hat der Kunstmarkt sicherlich seinen eigenen Höhepunkt erreicht.
Das ist gut so. Den Künstlern geht es gut und sie können zum
Teil größere und gewagtere Arbeiten schaffen, obwohl es auch
Leute gibt, die viel und schnell produzieren und dies zu Lasten der Qualität
geht. Auf lange Sicht werden wir wohl zurückblicken und feststellen,
dass dies nicht die beste Entwicklung für den indischen Kunstmarkt
gewesen ist.
RW: Wie Sie heute
bereits erwähnten, als wir über den Kunstmarkt in den USA in
den 1980er Jahren sprachen, als all diese denkwürdigen Geschichten
über Künstler kursierten, die irgendwo im Keller versteckt waren
und in der Galerie arbeiten mussten und erst raus konnten, wenn sie frische
Ware produziert hatten. Die Maßstablosigkeiten hinsichtlich Produktion,
Preisentwicklung, Kommerzialisierung scheinen einen Teil nationaler Entwicklungen
zu sein, der nicht zu vermeiden ist. Indien macht dies gerade durch. China
hat es durchgemacht und ist immer noch dabei.
AP: In den letzten
beiden Jahren haben alle Vermögenswerte in Indien, seien dies nun
Grundstücke, der Aktienmarkt, Kunst, der internationale Goldpreis
oder Schmuck, alles, was als Investition betrachtet werden kann, einen
immensen Auftrieb bekommen. Genau das passiert auch in der Kunstwelt.
Die Wirtschaft boomt, es ist Geld da, die Leute wissen im Moment nicht,
wie sie es investieren sollen, und Kunst wird durch den ganzen Medienhype
eine gangbare Option. Der Wunsch, als intellektuell, raffiniert oder als
jemand mit Geschmack anerkannt zu werden, spielt auch eine Rolle. Dieser
ganze Wettbewerb eben, bei dem man mit den Nachbarn mithalten möchte.
Im Moment ist das ein bisschen wie ein Spiel, aber die Leute werden da
hoffentlich herauswachsen. Wir werden sehen.
Anita
Dube
Blood Wedding
13 Knochenobjekte mti rotem Samt
Subodh Gupta,
Title: High Life II; 2002
Stahlkännchen auf Drahtgerüst
RW: Als Sie in
London, in Paris und all den anderen Orten waren, haben Sie da die zeitgenössische
Kunstszene schon verfolgt?
AP: Ja, meine Ferien
waren immer extrem hektisch. Wir haben alle Museen, alle architektonischen
Sehenswürdigkeiten in jedem der Länder besucht, in denen wir
waren. Wir haben versucht, jedes Jahr in ein neues Land zu reisen und
uns dort ein oder zwei Wochen lang umzusehen. Ich bin zu all den Kunstausstellungen
in London gegangen, und da die meisten meiner Freunde sich nicht dafür
interessierten, bin ich alleine gegangen.
Vom jetzigen Standpunkt
aus betrachtet ist das interessant, weil ich gelernt habe, zu meinen
eigenen Entscheidungen zu kommen. Es ist also ein merkwürdiges
Abenteuer. Bei dem Ganzen gibt es eine großartige Verbindung zwischen
dem bloßen Betrachten der Arbeiten und dem, was in der Kunstwelt
passiert. Aber es geht auch darum, die Künstler kennen zu lernen
und zu sehen, wie sie denken und sich entwickeln und wie ihre nächsten
Ausstellungen oder Projekte aussehen werden. Ich freue mich auf die
nächste Ausstellung wie ein Kind auf einen Spielzeugladen
RW: Wir haben darüber
gesprochen, dass es für ein größeres Publikum in Indien
immer noch keine richtige Möglichkeit gibt, Zugang zur zeitgenössischen
indischen oder internationalen Kunst zu finden, da es keine Orte, keine
Museen, nur einige wenige Galerien gibt und, wie Sie bemerkt haben,
keine Kritiker. Wie kann sich dies Ihrer Meinung nach in Zukunft entwickeln?
Wie könnte der nächste Schritt aussehen?
AP: Ich denke,
das kann sich sehr schnell ändern, da in den letzten Jahren zahlreiche
internationale Museen und Institutionen, wie beispielsweise die Ihrige,
damit begonnen haben, im Westen sehr große Gruppenausstellungen
zeitgenössischer indischer Kunst zu zeigen. Bei all dem geht es
um die Neugier der Leute auf das, was in Indien vor sich geht. Dies
ist der erste Schritt, um an Informationen zu kommen.
In dem Maße,
in dem sich dies langsam weiterentwickelt, werden entsprechende Institutionen
entstehen, da die Leute, die mit der Kunstwelt zu tun haben, sich auf
verschiedenen Ebenen engagieren möchten. Dies ist ein allgemeines
Problem in allen Entwicklungsländern, nicht nur in Indien, in denen
die grundlegende Infrastruktur und die Grundbedürfnisse sehr vieler
Menschen befriedigt werden müssen, bevor eine gewisse luxuriöse
und elitäre Vorstellung von Kunst gefördert wird oder auch
nur Beachtung findet.
RS: Zahlreiche
private Initiativen stellen Zuschüsse bereit und finanzieren Krankenhäuser
oder unterstützen Dinge, für die in jedem entwickelten Land
die Regierung zuständig wäre. Auf diese Weise unterstützen
wir die Gesellschaft. Ich habe bereits vor einigen Jahren darüber
gesprochen, einige bedeutende Ausstellungen zu sponsern. Die Regierung
lehnte jedoch mit der Begründung ab, dass wir dafür kein Geld
haben und versuchen, die Leute zunächst mit Essen und Arbeit zu versorgen.
Sie betrachten die Kunst also als Luxus.
Jagannath Panda,
Second Skin; 2005
Fiberglass, Stoff, Acrylfarbe
T.V. Santosh
Elusive Solutions/ Need Sharp Scriptures; 2004
Oil on Canvas
140 x 360 cm
AP: Aber glauben
Sie nicht, dass sich die Leute dafür interessieren würden?
RS: Sie wären
interessiert, denn Kunst ist in den letzten Jahren sehr viel stärker
in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, und sie scheint heute
in sehr viel stärkerem Maße als wichtiger Teil der Gesellschaft
betrachtet zu werden, auch wenn dies vor einigen Jahren nicht der Fall
war. Und ich vermute erneut, dass der wirtschaftliche Faktor hier eine
Rolle spielt. Die Arbeiten dieser Künstler, selbst bedeutender
Künstler, wurden für 10-15.000 US-Dollar verkauft. Jetzt verkaufen
sie sich für ein Vielfaches, was viel vernünftiger scheint,
denn die Preise für ihre Arbeiten waren viel zu niedrig. Sie wurden
nicht einmal angesehen oder ernst genommen.
AP: Der wirtschaftliche
Wert verleiht der Kunst gegenwärtig auch Glaubwürdigkeit.
Die Regierung steht unter großem Druck, Organisationen zu gründen
und die zeitgenössische oder klassische Kunst zu fördern.
Es kann aber auch sein, dass statt der Regierung der private Sektor
einspringt und die Dinge von hier aus in Gang kommen.
RS: Oder es wird
andere Investoren geben, wie das Guggenheim. Man weiß ja nie.
Vielleicht bekommen wir ein Guggenheim, bevor wir eine Nationalgalerie
haben.
RW: Gibt es in
Indien Unternehmenssammlungen von Rang, die Sie im Rahmen unseres Private/Corporate
Dialogs erwähnenswert finden?
AP: Ich glaube,
einige der größeren Unternehmen haben Sammlungen, aber ob
diese als Unternehmenssammlungen oder private Sammlungen zu definieren
sind, ist eine andere Frage. Sie sind in erster Linie auf die wichtigen
und angesagten Namen ausgerichtet. Daher sind Unternehmenssammlungen
in Indien weniger an kuratorischen Aspekten, sondern vielmehr an Macht
orientiert.
RS: Die Vorstandsvorsitzenden
haben Sammlungen, die jedoch nicht professionell betreut werden. Wissen
Sie Anupam, ich glaube, Sie sind der erste, der einen Kurator für
seine Sammlung engagiert hat. Bei den Unternehmenssammlungen gibt es
sehr große qualitative Unterschiede, von sehr schlechten bis zu
einigen vielleicht ganz interessanten Kunstwerken. Es ist jetzt ein
Richtungswechsel eingetreten, eine Art Leidenschaft oder Antriebskraft,
die dahinter steht. Meistens greifen sie jedoch einfach willkürlich
ins Dunkle, und nehmen mit, was immer sie finden.
AP: Es ist auch eine
Frage der Generation - es tut mir Leid, dass so zu sagen. Aber es liegt
auch daran, dass ich zurzeit eine große Anzahl von Arbeiten betreue.
In 20 oder 30 Jahren, wenn es da etwas gibt, das sehr viel mehr Anstrengung
und Arbeit erfordert, werde ich mich möglicherweise von dieser Verantwortung
zurückziehen. Vielleicht bin ich dann einfach müde, erschöpft
oder zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Ich denke, es geht auch
darum, ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen dem Versuch, Zeit zu finden,
und einer Ebene, auf der man sich bequem darum kümmern kann.
Meine Generation
engagiert sich sehr, die Künstler kennen zu lernen, über deren
zukünftige Arbeiten informiert zu sein, den Kontakt zu den Ateliers
und Galerien zu halten und die Verbindung zu diesen Leuten zu entwickeln.
Da sich um jede einzelne Arbeit mittlerweile 500 Leute streiten, haben
sehr wenige Leute einen problemlosen Zugang zu guter zeitgenössischer
Kunst in Indien. Es gibt in Indien sehr wenige Ausstellungen, die sich
nicht verkaufen.
RS: Die meisten
Galerien wollen nicht einmal ihren Kunden erzählen, wenn sie eine
Ausstellung eröffnen. Man bemüht sich, im Vorfeld nicht zu
viele Leute zu informieren. Da einige Leute sehr drängen, kann
es manchmal unangenehm werden, und man versucht, die Neuigkeiten erst
nach und nach weiterzugeben. Die unangenehmste Situation ist die, wenn
etwas noch nicht verkauft ist und dann alle an verschiedenen Strängen
ziehen.
AP: Jede Ausstellung
ist zum Zeitpunkt der Preview bereits ausverkauft. Wenn Sie glauben,
auf einer Preview etwas kaufen zu können, vergessen Sie es.
RS: Diese Situation
gab es jedoch vor einiger Zeit auch in Europa, als die Leute vor den
Toren der Kunstmessen Schlange standen.
RW: Das passiert
noch immer. Das heißt, ich habe da niemals mitgemacht, aber ich
kenne die Geschichten. Alle rennen mit ihren Handys auf der Messe herum
und telefonieren.
AP: Ich gehe jetzt
nicht mehr zu Previews, weil man die Kunst nicht zu sehen bekommt und
schon alles verkauft ist. Also muss ich vorher gehen. Ich meine irgendwann
vorher, wenn die Ateliers oder Galerien die Arbeiten aufstellen.
RS: Ich denke,
einige der interessanten Unternehmenssammlungen befinden sich in dem
Stadium, welches die Deutsche Bank vor ungefähr 12 Jahren repräsentierte.
Sie kamen nach Indien, haben ein Konzept entwickelt und das ganze Land
bereist, einige frische junge Talente ausgewählt und sie sehr professionell
zusammengestellt, mit einer Kunstkommission und all dem. Zu der Zeit
hatte dies in Indien niemand so gemacht. Als Dr. Herbert Zapp von der
Deutschen Bank seine Sammlung in Bombay eröffnete, sagte er: "Ich
habe das Gefühl, das erste Museum in Indien zu eröffnen."
Sie enthielt fantastische Arbeiten von Künstlern aus drei oder
vier Generationen.
MN: Mich würde interessieren, etwas mehr über den von Ihnen
erwähnten Punkt zu erfahren, dass die Kunst in Indien eher mit der
anderer asiatischer Länder zu vergleichen ist als mit europäischer.
Können Sie das näher erläutern?
AP: Die Grenzen,
die Sprachen, die Leute, das Essen, die Religion - alles in dieser Region
hat sich verschoben. Aber es gibt innerhalb dieser Region so viele Verwandtschaften,
Ähnlichkeiten und Unterschiede, die einen Vergleich interessant machen.
Unser Verständnis und auch die Bewertung der zukünftigen und
vergangenen Schwierigkeiten erfolgt aus der Innenperspektive. Daher ignorieren
wir viele dieser Schwierigkeiten, weil diese Dinge für uns auch selbstverständlich
werden und wir uns auf das konzentrieren, was uns interessiert. Aus diesem
Grund erscheint mir die Region wichtig. Indien spielt in Bezug auf die
Kunstwelt in der Region zweifellos im Moment eine Führungsrolle und
das aus einer Reihe von Gründen. Vielleicht liegt es an den wirtschaftlichen
Aspekten und der Größe und Vielfalt der in Indien verfügbaren
Kunst.
Dennoch denke ich, dass es in den verschiedenen Nachbarländern eine
Menge aufregender Arbeiten gibt, die noch niemand gesehen hat. In Pakistan
beispielsweise scheint mir die Qualität der Kunst ganz erstaunlich.
Sehr junge Künstler, die direkt von der Hochschule kommen, verfügen
über eine Kraft, die ich bei nur sehr wenigen Leuten gesehen habe,
die bereits seit 20 Jahren an ihrer Karriere arbeiten. Es wäre also
spannend zu sehen, wie sich das entwickelt. Viele Leute reisen jedoch
nicht nach Pakistan und haben keinen Zugang zu dieser Kunst, weil ihre
Regierungen ihnen Reisebeschränkungen auferlegen. Ich finde dort
die zeitgenössischen Kunstformen in den Bereichen Malerei, Fotografie
und Video anregend, Installation und Skulptur müssen noch ein wenig
reifen.
Das gleiche gilt
für Bangladesch und Sri Lanka. Das ist alles, was ich bisher gesehen
habe. Wir waren noch nicht in Bhutan, Nepal oder Tibet. Sie sind Zündfunken,
genau wie Indien vor fünf oder zehn Jahren. Es ist sehr ähnlich,
beinahe wie ein déja-vu, denn man sieht dort sehr viel Kunst auf
diese intensive Weise, zugleich gibt es noch wenige sehr inspirierende
Künstler. Und ich denke, dass sie Unterstützung brauchen, vielleicht
sogar aus Indien.
RS: Absolut!
AP: Auch wirtschaftlich
gesehen - viele Leute aus Pakistan zeigen ihre Arbeiten in Indien zu Preisen,
die sich am Westen orientieren. Sie zeigen ihre Arbeiten also in Europa
und Indien zu denselben Preisen. In Pakistan zeigen sie sie jedoch zu
niedrigeren Preisen. Indien wird für sie also das Ausland, das in
ihrer Vorstellung über dieselbe wirtschaftliche Kraft verfügt
wie Europa. Wir sollten sie ermutigen, ihnen sagen, dass uns einige ihrer
Arbeiten gefallen und wir sie gerne in Indien ausstellen möchten.
Lasst uns in einen Dialog, in einen Austausch treten.
MN: Was macht die
Kunst in Indien im Vergleich zu anderen Ländern so einzigartig?
AP: Ich denke,
wir haben eine längere und stärkere Tradition, das heißt,
eigentlich haben all die Länder eine gleich lange Tradition, doch
über die Jahre hat die Tradition in Indien überlebt. Sie wurde
ermutigt. Es gab immer Mäzene, die interessante künstlerische
Formen schaffen wollten - nicht notwendigerweise bloß Kunst im
klassischen Sinne -, das hat zur Entwicklung von Regionen mit Kunsthandwerkern
und Künstlern beigetragen, die außerordentlich talentiert
sind und ihre Kunst auf eine ganz andere Ebene gehoben hat.
RS: Diese Art des
Mäzenatentums war eher in Indien vorherrschend. Meine Mutter war
beispielsweise kürzlich in Vietnam und hat bemerkt, dass dieses
kulturelle Segment von Leuten dort fehlt. Es ist alles sehr wenig entwickelt.
AP: Indien ist
nicht isoliert. Sehr viele dieser anderen Länder sind isoliert
- um an Ihre Ausführungen anzuknüpfen. Für sie ist es
schwierig zu reisen, schwierig, Visa zu bekommen und an andere Orte
der Welt zu gehen. Es ist sehr teuer. In Indien ist es genauso, es ist
teuer, doch ich denke, dass sehr viel mehr Inder durch Reisen Kontakt
mit dem Westen haben und dann mit neuen Ideen zurückkommen, die
Indien in seiner Entwicklung helfen.
RS: Dies ist auch
ein Thema, mit dem sich mein Mann befasste, als er vor 13 Jahren zum ersten
Mal nach Indien kam und begann, Kunst für die Deutsche Bank zu sammeln.
Er stellte einem bedeutenden Künstler die Frage: "Was ist indisch
an zeitgenössischer indischer Kunst?" Und der Künstler
konterte: "Was ist deutsch an zeitgenössischer deutscher Kunst?"
Natürlich wissen wir alle, dass deutsche zeitgenössische Kunst
in der Tat sehr deutsch ist. All die politischen und sozialen Fragen flossen
in die Kunst ein, so wie es für lange Zeit in Indien nicht der Fall
war.
AP: Aber in der jüngeren
Generation fließt dies doch auch alles in die Kunst ein.
RS: Das stimmt, aber
lassen Sie mich erzählen, dass ich gerade Kiki Smith in ihrem Atelier
in New York besucht habe. Und wenn Sie sich ihre Bücher und Veröffentlichungen
ansehen und sich mit ihr unterhalten, werden Sie erstaunt sein, dass so
viele Inder ihre Arbeit inspirieren. Ich habe mit einem anderen sehr klugen
Sammler in Bombay gesprochen, der die Problematik der landestypischen
Kunst bewusst wahrnimmt, nachdem er die Documenta, die Biennale
in Venedig und die Art Basel besucht hat. Es ist wirklich ein Thema, über
das es sich lohnt nachzudenken.