Sammlung Daimler
English  
   

Contemporary - Profil und Übersicht
Ausstellungen nach Termin
Die Sammlung: Profil und Aktivitäten
Skulpturenrundgang am Potsdamer Platz Publikationen
 


Daimler Contemporary       
19. Januar - 3. Juni 2007

 

Kontakt      Jahresübersicht 
 

 

 

   

Private Corporate IV
Ein Dialog der Sammlung Lekha und Anupam Poddar
und der Daimler Kunst Sammlung

     
   

 

 


Einführung


Künstlerliste

Ausstellungsansichten


Pressematerial

   
     

 

 

Ein Gespräch über private Sammlungen, Unternehmenssammlungen
und die zeitgenössische Kunstszene in Indien


Dr. Renate Wiehager, Leiterin der Daimler Kunst Sammlung (RW)
Anupam Poddar, Sammler Delhi, Indien (AP)
Ranjana Steinrücke, Galeristin, Mumbai, Indien (RS)

RW: Anupam, würden Sie uns freundlicherweise erzählen, wie Ihre Sammlung begann?

AP: Nun, meine Mutter hat in den späten 1970er, den 1980er und den frühen 1990er Jahren ein breites Spektrum der damals zeitgenössischen indischen Kunst ihrer Generation gekauft. Wenn ich mich nicht irre, hat sie um 1995 aus verschiedenen Gründen aufgehört, weitere Kunstwerke anzukaufen. Wir waren in zahlreiche Geschäftsprojekte involviert und wollten außerdem keine weitere Kunst erwerben, da wir keinen Platz hatten, sie zu zeigen.

Wir sind dann in ein neues Haus gezogen, und in meinem Teil des Hauses habe ich mich mit der Sammlung meiner Eltern nicht besonders verbunden gefühlt. Sie stammte nicht aus meiner Generation und sagte mir nichts. Darüber hinaus war die Größe einiger Kunstwerke unpassend. In unserem neuen Haus wollte ich mich nur auf einige wenige Arbeiten konzentrieren, also habe ich 2000 angefangen, Kunst anzukaufen. Zunächst waren es Werke für bestimmte Wände, aber das änderte sich mit der Zeit, denn als die Wände voll waren, wollten wir noch weitere Kunst erwerben. Wir taten dies, weil wir uns daran erfreuen wollten, in der Hoffnung, irgendwann mit den Arbeiten leben zu können, auch wenn das nicht sofort möglich war.

 

 
   



 

Anupam Poddar vor einer Arbeit von Subodh Gupta,

Mit der Zeit ist daraus auf sehr schöne Weise eine leidenschaftliche Obsession geworden. Ich denke, dass es wirklich eine Sucht ist - gleichzeitig ein Genuss, da sie meine Gedanken auf vielerlei Weise von all den ernsten Dingen des Lebens ablenkt. Außerdem merke ich, dass Kunst wirklich meinen Geist dazu führt, einen Gegenstand oder eine Idee auf ganz neue Weise zu betrachten. Künstler, die interessante Kunst schaffen, haben sehr viel Mut, unsere Welt auf ihre eigene Weise zu sehen. Da mir dieser Mut fehlt, genieße ich ihre Perspektive.

RW: War es am Anfang eine definitive Entscheidung, weiterhin indische Kunst zu sammeln oder hatten Sie es in Betracht gezogen, später auch internationale Kunst in Ihre Sammlung aufzunehmen?

AP: Nein, es war ganz klar, dass wir uns weiterhin an indische Kunst halten wollten. Da unsere Sammlung langsam wuchs, war uns das zu Beginn jedoch gar nicht richtig bewusst. Wir haben zunächst einfach auch in der Absicht angekauft, Indien zu fördern, nicht nur die Kunst. Es hätten auch Textilien, Architektur oder Design sein können. Wir fühlten uns der Idee verpflichtet, Indern eine Chance zu geben, die sie auf andere Weise vielleicht nicht gehabt hätten. Mit weiteren Ankäufen gewann die Sammlung einen spezifisch indischen Charakter mit einigen wichtigen Arbeiten, die unsere Generation widerspiegeln.

Wir haben Werke gefunden, die historisch oder politisch von großer Bedeutung waren. Ein weiterer Wechsel ergab sich durch die Idee, eine Stiftung mit Sitz in Delhi zu gründen. In der heutigen indischen Kunstwelt gibt es wenige Ausstellungsräume, die nicht auf Profit ausgerichtet sind. Damit begann sich unsere Sammlung in eine andere Richtung zu entwickeln. Um das Ganze innerhalb unserer Region etwas interessanter zu gestalten, wollten wir die Kunst des Subkontinents zu einem späteren Zeitpunkt mit einbeziehen. Genau das tun wir jetzt, indem wir die indische Kunst mit anderen vergleichen. Wissen Sie, hier in Indien mögen wir zwar geographisch sehr nah an Pakistan oder Afghanistan sein, aber wir wissen nicht, was in der Kunstwelt dieser Länder passiert. Es dürfte beispielsweise interessant sein, Videokunst aus Afghanistan zu sehen.

 

     

 

 
RW: Würden Sie es selbst als eine Art Fortschritt werten, Ihre Sammlungsbestände von Malerei, Grafik und Wandarbeiten auf die Medienkunst erweitert zu haben?

AP: Absolut. Unser Schwerpunkt lag am Anfang auf Malerei und anderen Arbeiten, die man einfach an einer Wand aufhängen kann, und ist dann schnell zur Skulptur übergegangen. Ein weiterer Grund dafür war auch, dass wir genug Räume für Skulpturen und Installationen hatten. Ein Bedenken blieb jedoch anfänglich: Konnten wir in einen Wohnraum hineingehen und mit der Installation leben? Ein großer Teil des Raumes würde ja aufgrund solch großer Arbeiten nicht mehr nutzbar sein.

Es gibt alle möglichen Hindernisse in unseren Köpfen. Je tiefer wir in die Kunstwelt eindringen, desto wichtiger wird es, diese vorformulierten Regeln zu brechen. Ich weiß nicht genau, wie der nächste Schritt aussehen wird, aber ich sage auch weiterhin, dass wir Kunst unvoreingenommen betrachten, ohne räumliche und materielle Einschränkung im Hinblick auf die Ausstellung sowie die Lagerung. Beispielsweise war Videokunst vor fünf oder zehn Jahren ein neues und spannendes Medium. Heute wird es von vielen Leuten auf der ganzen Welt eingesetzt. Malerei kann jedoch immer noch neu und frisch sein.

RW: Anupam, Besucher Ihrer Sammlung sind, neben der Kunstobsession, stets sehr interessiert auch ein wenig über die Geschichte der Familie zu erfahren.

AP: Nun, ich komme aus einer Familie, bei der beide Seiten stark in der indischen Industrie engagiert sind. Wir stammen aus Rajasthan, aus einer Marwaris genannten Volksgruppe, die traditionell die Händler und Geldleiher der Gegend waren. Mit diesem Hintergrund also…

RW: Welche Art von Geschäften? Können Sie das genauer sagen?

AP: Das Hauptgeschäft der Familie ist eine Papierfirma in Südindien, vermutlich eine der drei größten Papierfabriken in Indien. Der andere Geschäftsbereich ist das Hotel, um das ich mich kümmere. Die Familie engagiert sich auch für wohltätige Zwecke, beispielsweise für Tiere.

 

 
   


 

Bharti Kher,
Spit
Bindi (gefärbter Filz und Klebstoff), Bettlaken

 



Esszimmer mit Skulptur von Ravinder Reddy,

RW: Seit wann leben Ihre Eltern in Delhi? Waren Sie im Ausland?

AP: Seit ungefähr 30 Jahren. Ich bin nach England gegangen, um mein Abitur zu machen, und blieb dann auch für das Studium an der Universität. Außerdem habe ich Erfahrungen in einigen Banken gesammelt. Insgesamt war ich sieben Jahre im Ausland, vor allem an unterschiedlichen Orten in England, unter anderem in London. Aber ich bin auch viel gereist. Da der Lehrplan der Universität dies ermöglichte, habe ich jeden Sommer die Gelegenheit genutzt, in einem anderen Land entweder die Sprache zu lernen oder dort zu arbeiten. Als ich dann schließlich nach Indien zurückkehrte, hatte ich in London gelebt - natürlich -, aber auch in New York, Madrid, Paris und auch sechs Monate in Deutschland. Es war aufregend, einfach in so jungen Jahren die Welt sehen zu können.

Als ich zurückkam, meinte meine Familie, dass ich hier in Indien leben und an dem Hotelprojekt arbeiten sollte. Also habe ich es versucht und ich muss sagen, ich glaube nicht, dass ich irgendwo sonst auf der Welt glücklicher sein könnte. Die Möglichkeiten, die Indien heute bietet, sind immens und ich denke, es gibt hier Leute mit einem gewissen Bildungshintergrund, die in jedem Bereich etwas bewegen können. Es ist interessant, Teil des Indien von heute zu sein.

RW: Wenn ich dies richtig verstanden habe, haben Sie auch versucht, Künstler mit Auftragsprojekten in das Hotelgeschäft zu integrieren, das sie gerade aufbauen. Stimmt das? Könnten Sie das ein wenig erläutern?

AP: Bei dieser Idee ging es eigentlich darum, sehr viel mehr mit Kunsthandwerkern zu arbeiten, denn Rajasthan - die Gegend, in der wir einen alten befestigten Palast aus dem 18. Jahrhundert renoviert und zu einem Hotel mit dem Namen ›Devi Garh‹ umgebaut haben - verfügt über eine solch reiche Tradition im Kunsthandwerk. Wegen der architektonischen Struktur sind alle Zimmer unterschiedlich. Selbst heutzutage baut niemand Häuser, in denen alle Zimmer genau gleich sind. Hotels neigen aus Gründen der Effizienz dazu, dies zu tun, aber das Gebäude zwang uns, die Dinge anders zu machen. Wir wollten mit Handwerkern vor Ort und lokalen Materialien das neue Gesicht Indiens präsentieren. Zu diesen Arbeiten gehören unter anderem Wandmalereien, Fresken und Intarsien.

Das Hotel folgt auch kommerziellen Aspekten, aber die Größe erlaubt es, zu träumen und interessante Dinge in die architektonischen Details des Gebäudes einzubringen. Es ist faszinierend. Der Reichtum indischen Handwerks legt ein solches Vorgehen nahe, da es hier jedes Material gibt und auch Leute, die mit diesen Materialien arbeiten können. Außerdem ist es bezahlbar. Heutzutage lassen sich diese Gebäude im Westen nicht so einfach bauen, aber hier ist es möglich

RS: Ja, wir haben immer noch diese lebendige Tradition. Das ist das Einmalige an Indien. Wir haben die Industrialisierung, aber wir haben immer noch das ganze Kunsthandwerk, und all das ist etwas, das man nicht einfach in eine Schublade stecken könnte.

AP: Es ist auf allen Ebenen eine lebendige, vielfältige Kultur, genau wie Sie sagen. Viele dieser Dinge bestehen nebeneinander und finden gerade im Moment statt. Das zeigt sich auch in der Kunstwelt. Sie sehen Leute mit unterschiedlichem Hintergrund, die von ihrer Region oder ihrer Kindheit beeinflusst wurden.

     

 

 

RW: Wir haben in den letzten beiden Tagen über das Problem gesprochen, dass die Preise für die wichtigsten Künstler in Indien extrem unausgewogen sind. Wie gehen Sie mit diesem offenbar überhitzten Markt um?

AP: Mir scheint, dass Kunst zu einer Ware geworden ist, die die Leute als Investition betrachten und darüber reden, wie über etwas, mit dem man Handel betreibt, beinahe wie Gemüse oder Aktienhandel. Leute kaufen und verkaufen Kunst, um Gewinne zu erzielen. Ich denke, die Menschen haben verlernt, Kunst zu sehen und zu erkennen, ob sie wirklich bis zum Ende ihres Lebens mit einer bestimmten Arbeit leben wollen. Mein Kriterium beim Kauf eines Kunstwerks ist, dass ich nicht mehr ohne es leben kann. Im Augenblick hat der Kunstmarkt sicherlich seinen eigenen Höhepunkt erreicht. Das ist gut so. Den Künstlern geht es gut und sie können zum Teil größere und gewagtere Arbeiten schaffen, obwohl es auch Leute gibt, die viel und schnell produzieren und dies zu Lasten der Qualität geht. Auf lange Sicht werden wir wohl zurückblicken und feststellen, dass dies nicht die beste Entwicklung für den indischen Kunstmarkt gewesen ist.

RW: Wie Sie heute bereits erwähnten, als wir über den Kunstmarkt in den USA in den 1980er Jahren sprachen, als all diese denkwürdigen Geschichten über Künstler kursierten, die irgendwo im Keller versteckt waren und in der Galerie arbeiten mussten und erst raus konnten, wenn sie frische Ware produziert hatten. Die Maßstablosigkeiten hinsichtlich Produktion, Preisentwicklung, Kommerzialisierung scheinen einen Teil nationaler Entwicklungen zu sein, der nicht zu vermeiden ist. Indien macht dies gerade durch. China hat es durchgemacht und ist immer noch dabei.

AP: In den letzten beiden Jahren haben alle Vermögenswerte in Indien, seien dies nun Grundstücke, der Aktienmarkt, Kunst, der internationale Goldpreis oder Schmuck, alles, was als Investition betrachtet werden kann, einen immensen Auftrieb bekommen. Genau das passiert auch in der Kunstwelt. Die Wirtschaft boomt, es ist Geld da, die Leute wissen im Moment nicht, wie sie es investieren sollen, und Kunst wird durch den ganzen Medienhype eine gangbare Option. Der Wunsch, als intellektuell, raffiniert oder als jemand mit Geschmack anerkannt zu werden, spielt auch eine Rolle. Dieser ganze Wettbewerb eben, bei dem man mit den Nachbarn mithalten möchte. Im Moment ist das ein bisschen wie ein Spiel, aber die Leute werden da hoffentlich herauswachsen. Wir werden sehen.
 

 
   


Anita Dube
Blood Wedding
13 Knochenobjekte mti rotem Samt


Subodh Gupta,
Title: High Life II; 2002
Stahlkännchen auf Drahtgerüst

RW: Als Sie in London, in Paris und all den anderen Orten waren, haben Sie da die zeitgenössische Kunstszene schon verfolgt?

AP: Ja, meine Ferien waren immer extrem hektisch. Wir haben alle Museen, alle architektonischen Sehenswürdigkeiten in jedem der Länder besucht, in denen wir waren. Wir haben versucht, jedes Jahr in ein neues Land zu reisen und uns dort ein oder zwei Wochen lang umzusehen. Ich bin zu all den Kunstausstellungen in London gegangen, und da die meisten meiner Freunde sich nicht dafür interessierten, bin ich alleine gegangen.

Vom jetzigen Standpunkt aus betrachtet ist das interessant, weil ich gelernt habe, zu meinen eigenen Entscheidungen zu kommen. Es ist also ein merkwürdiges Abenteuer. Bei dem Ganzen gibt es eine großartige Verbindung zwischen dem bloßen Betrachten der Arbeiten und dem, was in der Kunstwelt passiert. Aber es geht auch darum, die Künstler kennen zu lernen und zu sehen, wie sie denken und sich entwickeln und wie ihre nächsten Ausstellungen oder Projekte aussehen werden. Ich freue mich auf die nächste Ausstellung wie ein Kind auf einen Spielzeugladen

RW: Wir haben darüber gesprochen, dass es für ein größeres Publikum in Indien immer noch keine richtige Möglichkeit gibt, Zugang zur zeitgenössischen indischen oder internationalen Kunst zu finden, da es keine Orte, keine Museen, nur einige wenige Galerien gibt und, wie Sie bemerkt haben, keine Kritiker. Wie kann sich dies Ihrer Meinung nach in Zukunft entwickeln? Wie könnte der nächste Schritt aussehen?

AP: Ich denke, das kann sich sehr schnell ändern, da in den letzten Jahren zahlreiche internationale Museen und Institutionen, wie beispielsweise die Ihrige, damit begonnen haben, im Westen sehr große Gruppenausstellungen zeitgenössischer indischer Kunst zu zeigen. Bei all dem geht es um die Neugier der Leute auf das, was in Indien vor sich geht. Dies ist der erste Schritt, um an Informationen zu kommen.

In dem Maße, in dem sich dies langsam weiterentwickelt, werden entsprechende Institutionen entstehen, da die Leute, die mit der Kunstwelt zu tun haben, sich auf verschiedenen Ebenen engagieren möchten. Dies ist ein allgemeines Problem in allen Entwicklungsländern, nicht nur in Indien, in denen die grundlegende Infrastruktur und die Grundbedürfnisse sehr vieler Menschen befriedigt werden müssen, bevor eine gewisse luxuriöse und elitäre Vorstellung von Kunst gefördert wird oder auch nur Beachtung findet.

     

 

 
RS: Zahlreiche private Initiativen stellen Zuschüsse bereit und finanzieren Krankenhäuser oder unterstützen Dinge, für die in jedem entwickelten Land die Regierung zuständig wäre. Auf diese Weise unterstützen wir die Gesellschaft. Ich habe bereits vor einigen Jahren darüber gesprochen, einige bedeutende Ausstellungen zu sponsern. Die Regierung lehnte jedoch mit der Begründung ab, dass wir dafür kein Geld haben und versuchen, die Leute zunächst mit Essen und Arbeit zu versorgen. Sie betrachten die Kunst also als Luxus.
 

 
   


Jagannath Panda,
Second Skin; 2005
Fiberglass, Stoff, Acrylfarbe

 



T.V. Santosh
Elusive Solutions/ Need Sharp Scriptures; 2004
Oil on Canvas
140 x 360 cm

AP: Aber glauben Sie nicht, dass sich die Leute dafür interessieren würden?

RS: Sie wären interessiert, denn Kunst ist in den letzten Jahren sehr viel stärker in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, und sie scheint heute in sehr viel stärkerem Maße als wichtiger Teil der Gesellschaft betrachtet zu werden, auch wenn dies vor einigen Jahren nicht der Fall war. Und ich vermute erneut, dass der wirtschaftliche Faktor hier eine Rolle spielt. Die Arbeiten dieser Künstler, selbst bedeutender Künstler, wurden für 10-15.000 US-Dollar verkauft. Jetzt verkaufen sie sich für ein Vielfaches, was viel vernünftiger scheint, denn die Preise für ihre Arbeiten waren viel zu niedrig. Sie wurden nicht einmal angesehen oder ernst genommen.

AP: Der wirtschaftliche Wert verleiht der Kunst gegenwärtig auch Glaubwürdigkeit. Die Regierung steht unter großem Druck, Organisationen zu gründen und die zeitgenössische oder klassische Kunst zu fördern. Es kann aber auch sein, dass statt der Regierung der private Sektor einspringt und die Dinge von hier aus in Gang kommen.

RS: Oder es wird andere Investoren geben, wie das Guggenheim. Man weiß ja nie. Vielleicht bekommen wir ein Guggenheim, bevor wir eine Nationalgalerie haben.

RW: Gibt es in Indien Unternehmenssammlungen von Rang, die Sie im Rahmen unseres Private/Corporate Dialogs erwähnenswert finden?

AP: Ich glaube, einige der größeren Unternehmen haben Sammlungen, aber ob diese als Unternehmenssammlungen oder private Sammlungen zu definieren sind, ist eine andere Frage. Sie sind in erster Linie auf die wichtigen und angesagten Namen ausgerichtet. Daher sind Unternehmenssammlungen in Indien weniger an kuratorischen Aspekten, sondern vielmehr an Macht orientiert.

RS: Die Vorstandsvorsitzenden haben Sammlungen, die jedoch nicht professionell betreut werden. Wissen Sie Anupam, ich glaube, Sie sind der erste, der einen Kurator für seine Sammlung engagiert hat. Bei den Unternehmenssammlungen gibt es sehr große qualitative Unterschiede, von sehr schlechten bis zu einigen vielleicht ganz interessanten Kunstwerken. Es ist jetzt ein Richtungswechsel eingetreten, eine Art Leidenschaft oder Antriebskraft, die dahinter steht. Meistens greifen sie jedoch einfach willkürlich ins Dunkle, und nehmen mit, was immer sie finden.

     

 


AP: Es ist auch eine Frage der Generation - es tut mir Leid, dass so zu sagen. Aber es liegt auch daran, dass ich zurzeit eine große Anzahl von Arbeiten betreue. In 20 oder 30 Jahren, wenn es da etwas gibt, das sehr viel mehr Anstrengung und Arbeit erfordert, werde ich mich möglicherweise von dieser Verantwortung zurückziehen. Vielleicht bin ich dann einfach müde, erschöpft oder zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Ich denke, es geht auch darum, ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen dem Versuch, Zeit zu finden, und einer Ebene, auf der man sich bequem darum kümmern kann.

Meine Generation engagiert sich sehr, die Künstler kennen zu lernen, über deren zukünftige Arbeiten informiert zu sein, den Kontakt zu den Ateliers und Galerien zu halten und die Verbindung zu diesen Leuten zu entwickeln. Da sich um jede einzelne Arbeit mittlerweile 500 Leute streiten, haben sehr wenige Leute einen problemlosen Zugang zu guter zeitgenössischer Kunst in Indien. Es gibt in Indien sehr wenige Ausstellungen, die sich nicht verkaufen.
 

 
   



 

RS: Die meisten Galerien wollen nicht einmal ihren Kunden erzählen, wenn sie eine Ausstellung eröffnen. Man bemüht sich, im Vorfeld nicht zu viele Leute zu informieren. Da einige Leute sehr drängen, kann es manchmal unangenehm werden, und man versucht, die Neuigkeiten erst nach und nach weiterzugeben. Die unangenehmste Situation ist die, wenn etwas noch nicht verkauft ist und dann alle an verschiedenen Strängen ziehen.

AP: Jede Ausstellung ist zum Zeitpunkt der Preview bereits ausverkauft. Wenn Sie glauben, auf einer Preview etwas kaufen zu können, vergessen Sie es.

RS: Diese Situation gab es jedoch vor einiger Zeit auch in Europa, als die Leute vor den Toren der Kunstmessen Schlange standen.

RW: Das passiert noch immer. Das heißt, ich habe da niemals mitgemacht, aber ich kenne die Geschichten. Alle rennen mit ihren Handys auf der Messe herum und telefonieren.

AP: Ich gehe jetzt nicht mehr zu Previews, weil man die Kunst nicht zu sehen bekommt und schon alles verkauft ist. Also muss ich vorher gehen. Ich meine irgendwann vorher, wenn die Ateliers oder Galerien die Arbeiten aufstellen.

RS: Ich denke, einige der interessanten Unternehmenssammlungen befinden sich in dem Stadium, welches die Deutsche Bank vor ungefähr 12 Jahren repräsentierte. Sie kamen nach Indien, haben ein Konzept entwickelt und das ganze Land bereist, einige frische junge Talente ausgewählt und sie sehr professionell zusammengestellt, mit einer Kunstkommission und all dem. Zu der Zeit hatte dies in Indien niemand so gemacht. Als Dr. Herbert Zapp von der Deutschen Bank seine Sammlung in Bombay eröffnete, sagte er: "Ich habe das Gefühl, das erste Museum in Indien zu eröffnen." Sie enthielt fantastische Arbeiten von Künstlern aus drei oder vier Generationen.

     

 


MN: Mich würde interessieren, etwas mehr über den von Ihnen erwähnten Punkt zu erfahren, dass die Kunst in Indien eher mit der anderer asiatischer Länder zu vergleichen ist als mit europäischer. Können Sie das näher erläutern?

AP: Die Grenzen, die Sprachen, die Leute, das Essen, die Religion - alles in dieser Region hat sich verschoben. Aber es gibt innerhalb dieser Region so viele Verwandtschaften, Ähnlichkeiten und Unterschiede, die einen Vergleich interessant machen. Unser Verständnis und auch die Bewertung der zukünftigen und vergangenen Schwierigkeiten erfolgt aus der Innenperspektive. Daher ignorieren wir viele dieser Schwierigkeiten, weil diese Dinge für uns auch selbstverständlich werden und wir uns auf das konzentrieren, was uns interessiert. Aus diesem Grund erscheint mir die Region wichtig. Indien spielt in Bezug auf die Kunstwelt in der Region zweifellos im Moment eine Führungsrolle und das aus einer Reihe von Gründen. Vielleicht liegt es an den wirtschaftlichen Aspekten und der Größe und Vielfalt der in Indien verfügbaren Kunst.


Dennoch denke ich, dass es in den verschiedenen Nachbarländern eine Menge aufregender Arbeiten gibt, die noch niemand gesehen hat. In Pakistan beispielsweise scheint mir die Qualität der Kunst ganz erstaunlich. Sehr junge Künstler, die direkt von der Hochschule kommen, verfügen über eine Kraft, die ich bei nur sehr wenigen Leuten gesehen habe, die bereits seit 20 Jahren an ihrer Karriere arbeiten. Es wäre also spannend zu sehen, wie sich das entwickelt. Viele Leute reisen jedoch nicht nach Pakistan und haben keinen Zugang zu dieser Kunst, weil ihre Regierungen ihnen Reisebeschränkungen auferlegen. Ich finde dort die zeitgenössischen Kunstformen in den Bereichen Malerei, Fotografie und Video anregend, Installation und Skulptur müssen noch ein wenig reifen.

Das gleiche gilt für Bangladesch und Sri Lanka. Das ist alles, was ich bisher gesehen habe. Wir waren noch nicht in Bhutan, Nepal oder Tibet. Sie sind Zündfunken, genau wie Indien vor fünf oder zehn Jahren. Es ist sehr ähnlich, beinahe wie ein déja-vu, denn man sieht dort sehr viel Kunst auf diese intensive Weise, zugleich gibt es noch wenige sehr inspirierende Künstler. Und ich denke, dass sie Unterstützung brauchen, vielleicht sogar aus Indien.

RS: Absolut!

AP: Auch wirtschaftlich gesehen - viele Leute aus Pakistan zeigen ihre Arbeiten in Indien zu Preisen, die sich am Westen orientieren. Sie zeigen ihre Arbeiten also in Europa und Indien zu denselben Preisen. In Pakistan zeigen sie sie jedoch zu niedrigeren Preisen. Indien wird für sie also das Ausland, das in ihrer Vorstellung über dieselbe wirtschaftliche Kraft verfügt wie Europa. Wir sollten sie ermutigen, ihnen sagen, dass uns einige ihrer Arbeiten gefallen und wir sie gerne in Indien ausstellen möchten. Lasst uns in einen Dialog, in einen Austausch treten.
 

 
   

MN: Was macht die Kunst in Indien im Vergleich zu anderen Ländern so einzigartig?

AP: Ich denke, wir haben eine längere und stärkere Tradition, das heißt, eigentlich haben all die Länder eine gleich lange Tradition, doch über die Jahre hat die Tradition in Indien überlebt. Sie wurde ermutigt. Es gab immer Mäzene, die interessante künstlerische Formen schaffen wollten - nicht notwendigerweise bloß Kunst im klassischen Sinne -, das hat zur Entwicklung von Regionen mit Kunsthandwerkern und Künstlern beigetragen, die außerordentlich talentiert sind und ihre Kunst auf eine ganz andere Ebene gehoben hat.

RS: Diese Art des Mäzenatentums war eher in Indien vorherrschend. Meine Mutter war beispielsweise kürzlich in Vietnam und hat bemerkt, dass dieses kulturelle Segment von Leuten dort fehlt. Es ist alles sehr wenig entwickelt.

AP: Indien ist nicht isoliert. Sehr viele dieser anderen Länder sind isoliert - um an Ihre Ausführungen anzuknüpfen. Für sie ist es schwierig zu reisen, schwierig, Visa zu bekommen und an andere Orte der Welt zu gehen. Es ist sehr teuer. In Indien ist es genauso, es ist teuer, doch ich denke, dass sehr viel mehr Inder durch Reisen Kontakt mit dem Westen haben und dann mit neuen Ideen zurückkommen, die Indien in seiner Entwicklung helfen.

     

 


RS: Dies ist auch ein Thema, mit dem sich mein Mann befasste, als er vor 13 Jahren zum ersten Mal nach Indien kam und begann, Kunst für die Deutsche Bank zu sammeln. Er stellte einem bedeutenden Künstler die Frage: "Was ist indisch an zeitgenössischer indischer Kunst?" Und der Künstler konterte: "Was ist deutsch an zeitgenössischer deutscher Kunst?" Natürlich wissen wir alle, dass deutsche zeitgenössische Kunst in der Tat sehr deutsch ist. All die politischen und sozialen Fragen flossen in die Kunst ein, so wie es für lange Zeit in Indien nicht der Fall war.

AP: Aber in der jüngeren Generation fließt dies doch auch alles in die Kunst ein.

RS: Das stimmt, aber lassen Sie mich erzählen, dass ich gerade Kiki Smith in ihrem Atelier in New York besucht habe. Und wenn Sie sich ihre Bücher und Veröffentlichungen ansehen und sich mit ihr unterhalten, werden Sie erstaunt sein, dass so viele Inder ihre Arbeit inspirieren. Ich habe mit einem anderen sehr klugen Sammler in Bombay gesprochen, der die Problematik der ›landestypischen Kunst‹ bewusst wahrnimmt, nachdem er die Documenta, die Biennale in Venedig und die Art Basel besucht hat. Es ist wirklich ein Thema, über das es sich lohnt nachzudenken.

 

 
Seitenanfang   
 


 

Einführung
Künstlerliste
Ausstellungsansichten
Pressematerial
Katalog