Es
geschieht gelegentlich im Umgang mit Werken zeitgenössischer Kunst -
und das gilt im Falle der Fotografien von Guy Tillim -, dass man sich
aufgefordert fühlt, die eigenen, gut erprobten
Begrifflichkeiten zur Frage der Funktion und Bedeutung von Kunst im
gesellschaftlichen Kontext neu zu überdenken. Von der Fotografie
könnte man sagen, dass sie die Momente von Distanznahme, Aufmerksamkeit
und Unterscheidung im besten Falle schon in den vorbereitenden Schritten
erprobt, die dem eigentlichen künstlerischen Produkt, dem fertigen Foto,
vorausgehen. Auswahl, Isolierung, Auslösen - sie bestimmen das Bild
der Welt, mit denen die Fotografie uns konfrontiert.
Kunhinga,
Angola
February 2002
Für
Guy Tillim gilt, dass seine künstlerische Haltung sich auf
der heiklen Grenze zwischen Empathie und Distanzierung formuliert.
Seine Wege durch die Länder des südlichen Afrika sind nicht von vorgezeichneten
Zielen diktiert, sondern scheinen einer zunächst vorurteilsfreien Aufmerksamkeit
für die Gegebenheiten und die Lebenswelten zu folgen, welche die Menschen
selbst herbeigeführt haben und in die sie gleichermaßen hineingestellt
sind. Tillim sucht nicht das ‚richtige' , das ‚geglückte' Motiv, er
lässt sich von Bildern gleichsam auffinden, läßt sie an sich herantreten,
um sie zugleich in gerichteter Bewegung zu umkreisen, sie zu schildern.
Luanda,
Angola November 2001
Kunhinga,
Angola , February 2002
Tillims
Bilder sind geleitet von der disziplinierten Vermeidung
alles immer schon Geglaubten und jeder Form von Schwarzweißmalerei.
Die Übergänge zwischen den Welten der Täter und Opfer sind fließend,
gewissermaßen eine Frage des - hier fotografischen - Standpunktes. Aus
solcher Haltung eines vorurteilsfreien sich Hineinbegebens
in die fatale Widersprüchlichkeit menschlicher Existenz und Selbstdeutung,
wie sie der Mensch Tillim zu erproben scheint, erwächst für den Künstler
Tillim eine Freizügigkeit der Deutungspraxis, die den Betrachter nicht
zur Ruhe kommen lässt.
Schaut
aus den beiden leeren Fenstern des zerstörten Militärcamps im Kongo
ein versprengter Soldat hinaus in die Landschaft? Oder spähen wir mit
den ängstlichen Augen eines Geflohenen, eines Überlebenden in eine Natur,
in der überall Bedrohung lauert?
Democratic
Republic of Congo
Dec 2002 - Jan 2003
Metaphorische
Qualitäten in dieser Weise gewinnen Tillims Fotos durch drei künstlerische
Entscheidungen: das Arbeiten in Serien, die Rekontextualisierung des
Einzelbildes innerhalb des Werkes, die Individualisierung der Perspektive.
Die
Arbeit in fotografischen Serien ist bei Tillim nicht als Methode zu
sehen, aus einer möglichen Fülle und Auswahl am Ende das ‚gültige' und
‚verwertbare' Motiv herauszufiltern, sondern folgt einer Haltung, welche
die Bedingtheit der eigenen Erkenntnis akzeptiert
und künstlerisch zu artikulieren sucht. Neben der oben beschriebenen
Serie aus dem zerstörten Zentrum von Kuito, Angola, gibt es in dieser
Publikation die Serien der farbigen Porträts von Vertriebenen in Angola,
die ergreifende Serie der militärisch getarnten Kindergesichter, die
zur Verteidigung ihrer Dörfer angetreten sind
Tillim
liefert uns, trotz genauer Orts- und Situationsangaben, keine journalistisch
verwertbaren fotografischen Befunde, sondern zieht uns hinein in den
Kreislauf von Deutungen und Standpunkten, Sichtweisen
und Interpretationen, er zwingt uns hinein in eine Offenheit für Bezüge
und Verweise, welche die scheinbare ‚Schwäche' der Urteilsfindung ummünzt
in die Stärke genauen und wiederholten Hinsehens. Eben hierin
liegt begründet, was das Werk und die Haltung von Guy Tillim mit Paul
Valery gesprochen als "Résistance au facile", als Widerstand gegen den
leichten Weg, qualifiziert.