Drei
Anstöße gab es für diese Ausstellung, die in ihrer Vielfältigkeit auf
den ersten Blick überraschen mag. Zunächst das Gespräch zwischen dem
Raum selbst und den Menschen, die hierher kommen. Künstler, Besucher,
Mitarbeiter, Gäste des Haus Huth haben immer wieder auf die besondere
Atmosphäre des Raumes betont: die Verbindung von Intimität und Offenheit,
die überraschenden Durchblicke und Ausblicke, das konzentrierte Gespräch
mit der Kunst hoch über der pulsierenden Stadt.
Der
zweite Anstoß war das Gespräch zweier Künstler. Es gibt eine große Selbstverständlichkeit,
mit der zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler - jenseits von Workshops
und Themenausstellungen - ihre Arbeiten aus dem Gespräch mit und der
genauen Kenntnis von anderen Disziplinen heraus begründen.
Zu beobachten
war diese Verflechtung musikalischer und zeichnerischer Raum-Kompositionen
am Beispiel des langjährig entwickelten Gesprächs zwischen der Komponistin
Isabel Mundry und dem Berliner Künstler Andreas Schmid. Beide haben
über mehr als ein Jahr hinweg Werke entwickelt, die diesem persönlichen
Dialog zwischen Kunst und Musik bezogen auf diesen Ausstellungsraum
konkrete Gestalt gegeben haben.
Der
dritte Anstoß war die Geschichte der Daimler Kunst Sammlung. Sie gründet
in künstlerischen Strömungen des 20. Jahrhunderts, für welche der Transfer
und die Übersetzung ästhetischer Programme über Gattungsgrenzen hinaus
wesentlich war.
Künstlern
der Sammlung wie Bill, Schlemmer, Stankowski - und viele andere, deren
Biographien unauflöslich verbunden sind mit Institutionen wie dem Bauhaus,
der Ulmer Hochschule für Gestaltung oder dem New Bauhaus in Chicago
- diesen Künstlern galt der Dialog zwischen Kunst, Architektur, Musik,
Choreographie und Design als selbstverständlicher Teil ihres Denkens
und ihrer künstlerischen Praxis.
Im
Europa der 50er und 60er war für viele Künstler die Begegnung mit der
seriellen Musik und der Musique Concrète essentiell. Ähnliches gilt
für frühe Minimal Art in den USA, die ihre raumbezogenen Objektkonstellationen
in Auseinandersetzung mit den bahnbrechen-den Figuren des Modern Dance
und der minimalistischen Musik entwickelte.
"In
Kyoto bin ich - doch beim Schrei des Kuckucks sehne ich mich nach Kyoto."
Dieses japanische Haiku beschreibt eine für unsere Ausstellung zentrale
Auffassung von Raum. "Es beschreibt einen Augenblick, in dem wir einen
bestimmten Zugriff auf einen Raum haben, dessen wir uns durch ein akustisches
Zeichen bewußt werden, wodurch der Raum auch schon zu einem anderen
wird." (Isabel Mundry). Diese Metamorphose von Raumqualitäten, die Durchlässigkeiten
zwischen Architektur-Raum, Seh-Raum und Hör-Raum sind Phänomene, die
für Künstler, Musiker und Architekten gleichermaßen faszinierend sind.
Andreas
Schmid,
Partitur für DCC, 2002
16 Takte für 16 Lichtlinien
Andreas Schmid,
Shanghai Red, Fotografie; 1998
Isabel
Mundry hat ein Stück für Tonband und vier Trompeten geschrieben, das am
Eröffnungsabend uraufgeführt wurde. Es bewegt sich vom Klangmaterial
her zwischen Instrumentalkomposition und objet trouvé, insofern es Aufnahmen
aus dem Haus Huth und seiner Umgebung integriert. Die Wahrnehmung von
Räumlichkeit wird hier akustische ausgelotet. Dabei geht es um das Verhältnis
von sehr nahen Klängen, etwa Atemge-räuschen, und sehr fernen Klängen
wie Straßengeräuschen u.a., welche die Künstlerin ‚gesammelt' hat.
"Mich beschäftigt die Frage", so Mundry, "was wir über Zeit als Phänomen
erfahren, wenn wir das fokussieren, dem wir sowieso nicht entrinnen können:
nämlich unsere eigene Zeitlichkeit als eine Reihung von Augenblicken.
Ein Augenblick ist etwas, was eine besondere Form entwickelt, mit Binnenzeitlichkeit,
Anfang und Ende."
Andreas
Schmid geht als Künstler situativ und temporär vor. Er bearbeitet vorhandene
Räume als transitive Orte, als Orte des Übergangs zwischen Außen- und
Innenwahr-nehmung, die sich mit der Bewegung des Betrachters im Raum entfalten.
"Ich verstärke sozusagen das, was ich als die Charakteristika eines Raumes
wahrgenommen und weiter verarbeitet habe. Auch die Leere wird durch meine
Eingriffe aufgeladen bzw. aktiviert. Ich verbinde Dinge im Raum, indem
ich den Raum inhaltlich deute, ihn fragmentarisch auffülle."
Aus
der Beschäftigung mit Isabell Mundrys Komposition heraus hat Andreas
Schmid gewissermaßen eine Licht-Linien-Partitur in 16 Takten für den
zentralen Ausstellungsraum entwickelt. Dieses rhythmisch pulsierende,
ephemere Bild verbindet sich im Raum mit ausgespannten, geklebten und
gezeichneten Linien. Sie findet ein Echo in einer Großfotografie, welche
Licht-Raum-Spiegelungen in der glänzenden Oberfläche einer Skulptur
von Donald Judd zeigt.
Der
Münchner Architekt Peter Haimerl stellt erstmals in Berlin sein urbanes
Projekt "zoomtown" vor. Es spiegelt ein Verständnis von Stadt als Kulturraum,
der sich vor allem anhand seiner durchfließenden Bewegungsströme netzartig
ausbildet. "zoom-town" definiert die Zentren einzelner Städte hinsichtlich
der gesteigerten Mobilität ihrer Bewohner um und fördert durch ein Angebot
an neuen Verkehrsmitteln die Vernetzung der Metropolen insgesamt.
Triebkraft seiner Vision ist es, "unsere Chancen und unsere Ressourcen
genau im nichtstatischen Raum zu entdecken, mit dem effektiver umgegangen
werden kann ... eine Vorstellung von Raum, der durch Tore gesendet wird,
die in verschiedene Richtungen gedreht werden können.
"zoomtown"
ist weiterer Abschied von manifesten, soliden Innen- und Außenräumen,
die die Moderne bereits aufgebrochen hatte. Dem zeitgenössischen Menschen
als nomadisch agierendem Zugvogel bietet "zoomtown" in Nutzbarkeit und
Schönheit ein neues Fundament.
Peter Haimerl: zoomtown
Are You Meaning
Company:
Two Getting Along; Projekt seit 2001
Vier
weitere Neuerwerbungen für die Sammlung Daimler-Chrysler werden in dieser
Ausstellung vorgestellt, die je eigene Perspektiven zum Thema der Durchlässigkeit
von Räumen eröffnen.
Von
Albert Weis haben wir eine mehrteilige foto/grafische Arbeit erworben,
die das Verhältnis von abstrakt bezeichnetem und fotografiertem Raum untersucht.
"Ein Blatt Papier ist ein weißer Raum, worauf man schreiben und zeichnen
kann und der sich weiter räumlich fortentwickelt, indem man das Papier
faltet, will man ein Papierflugzeug bauen oder ein Schattentheater inszenieren.
Jede Fotografie eröffnet einen Blick in Raumtiefen oder Raumhöhen." (C.
Seidel) Mit ihren irritierenden Volumen und Oberflächen sind die fotografischen
Ansichten zu den plastisch gefalteten und bemalten Papieren subtil ins
Verhältnis gesetzt.
Seit
Mitte der 90er Jahre tritt eine junge japanische Künstlerin unter dem
Label Are You Meaning Company auf. Offen konzipierten Projekte, die sich
mit den Menschen, die in verschiedenen Ländern involviert werden, immer
neu ausdifferenzieren und verändern.
Two Getting Along ist ein Angebot, das zur Reflexion über die Gestaltung
von freundschaftlichem oder partnerschaftlichem Zusammenleben einlädt.
Das
Projekt stellt Mittel zur eigenen Beschäftigung mit dem intimen, sozialen
Raum der Wohnung zur Verfügung: Zeichnungen, worauf je ein Einzimmerappartement
mit einfachem Grundriss skizziert ist, Stifte, insgesamt 100 Vorlagen
bereits farblich aus-gemalter Zeichnungen, ein Tisch und Stühle. Two Getting
Along zielt nun nicht darauf ab, den effizient gestalteten Gebrauchswert
der Wohnung zu verändern. Das Projekt liefert vielmehr ein Modell-Interieur,
in dem sich zwei "Wohn-Ichs" begegnen, die sich gegenseitig deuten, indem
sie Farbe bekennen und so eine psychologisch aufgeladene Disposition in
die Zeichnung farblich einschreiben.
Die Besucher sind aufgefordert, das Projekt mit eigenen Zeichnungen weiter
zu entwickeln.
"Ein
grundlegender Ansatz für Katja Davars Arbeiten ist die Überlegung, wie
aus einer Zeit heraus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gedacht werden.
"Is it tomorrow yet?". Diese Frage taucht im Verlauf des Videos plötzlich
als animierter Schriftzug auf und sie macht auf die absurde Technologiedifferenz
aufmerksam, die der bunte Fesselballon verkörpert. Denn nach unserer
Zeitrechnung ist der Ballon als Eroberungsvehikel der Luft- und Raumfahrt
durch das, was er trägt - den Satelliten - längst abgelöst. Was also
ist Zukunft?" (C. Seidel)
Katja Davar, Raven
77; 2001
Philippe Parreno:
6:00 P.M., 2001
Auke de Vries: Gelandet,
Skulptur Potsdamer Platz
Am
Ende des Rundganges findet man sich auf Philippe Parrenos Projektion einer
schattiert durchbrochenen, lichten Fläche auf einem Teppich wieder, betitelt
6:00 P.M. Die Arbeit stammt aus der Welt des Denkbaren, des Phantastischen,
das überall statt-finden kann. Vielleicht handelt es sich um das Fragment
einer Filmhandlung, wobei die entscheidende Szene in einem fast leeren
Apartment spielen könnte, durch dessen große Fensterscheiben die abendliche
Sonne ihr schräges Licht hineinschickt. .
Integrativer
Teil der Ausstellung ist eine neue Großskulptur
von Auke de Vries für den Potsdamer
Platz mit dem Titel "Gelandet". Auke de Vries hat in den vergangenen
25 Jahren zahlreiche monumentale Skulpturen für europäische Großstädte
geschaffen. In Rotterdam hat er eine 200 m lange hängende Skulptur über
die Wellen des Flusses Maas ausgespannt. In Barcelona erhebt sich eine
fünfteilige filigrane Figuration über der Stadt. In Ludwigsburg haben
die Bürger eine Großskulptur auf der meistbefahre-nen Kreuzung der Stadt
zunächst heiss und kontrovers diskutiert, sie mittlerweile aber stolz
als ihr urbanes künstlerisches Zentrum angenommen. "Gelandet" am Potsdamer
Platz ist eine Metallskulptur, die an eine Raumzelle erinnert, die mit
einer hohen Fahne auf sich aufmerksam macht.