Ein Gespräch über privates versus unternehmerisches Sammeln
und über "Kunst als Material"
Teilnehmer:
Dr. Renate Wiehager, Leiterin Kunstbesitz Daimler(RW)
Paul Maenz, Kunsthändler und Sammler (PM)
Dr. Gerda Wendermann, Kuratorin am Neuen Museum Weimar (GW)
Dr. Friederike Nymphius, Assistenz DaimlerKunstbesitz (FN)
Das
Gespräch wurde geführt am 1. März 2002 bei Daimler Contemporary
RW: Ich möchte
beginnen mit einigen Fragen an den ehemaligen Galeristen Paul Maenz,
da ja die "Sammlung Paul Maenz" wesentlich aus der galeristischen
Tätigkeit erwachsen ist. Herr Maenz, aus Anlass der Schliessung
Ihrer Galerie im Jahre 1990 hat der DuMont Verlag einen opulenten Band
über 20 Jahre Galeriegeschichte vorgelegt mit dem Untertitel "Eine
Avantgarde-Galerie und die Kunst unserer Zeit". Der Band beginnt
mit einem Text von Donald Kuspit, überschrieben "Handeln mit
der Avantgarde", in dem eine Reihe grundsätzlicher Überlegungen
zum zeitgenössischen Kunstverständnis angestellt werden. Die
Kunst der Avantgarde, so schreibt Kuspit, sei zu einem "real-konkreten
Gebrauchsgegenstand" geworden und zur "konkreten Antwort auf
unsere verzweifelten Gebete um eine sinnvolle Existenz". Wie klingt
so eine Formulierung heute in Ihren Ohren, zehn Jahre nach Erscheinen
des Buches? War diese 'pathetische' Einschätzung für die damalige
Zeit richtig? Ist sie es für die heutige Kunst?
PM:
Mir war, als der Text von Kuspit kam, der Inhalt, aber auch die Form
selbst etwas zu pompös. Wir haben den Autor überzeugt, einiges
an "Fett" abzuschöpfen, ehe der Text dann veröffentlicht
wurde. Die Idee war ja nicht, die Galerie zu heroisieren. Wir wollten
Statements zur Kunst der Zeit, von der in dem Buch die Rede ist, keine
Eloge. Trotzdem, der Text von Kuspit ist interessant. Besonders da,
wo er auf die Ambivalenz, die Dialektik zu sprechen kommt, die darin
liegt, dass die Arbeit des Avantgarde-Galeristen, wenn sie erfolgreich
ist, zugleich die Energien aushebelt, die ihn im Grunde antreiben, die
revolutionäre Energie der Avantgarde nämlich. Kuspit sieht
in der Figur des Galeristen idealerweise eine Art "Johannes der
Täufer" bzw. einen Impresario. Ihn hat damals vor allem auch
das Thema - um nicht zu sagen das unvermeidliche Dilemma - der Transfiguration
von erfolgreicher Avantgarde-Kunst und ihrer naturgemäss kritischen
Grundhaltung in Kultobjekte, in Kulturfetische beschäftigt. Heute
stolpert man vielleicht ein bisschen über solche Gedanken. Natürlich
stammt das aus dem Geist einer anderen Zeit, genauso wie Kuspits Diktion.
RW: Ein Avantgarde-Galerist
müsse die Kunst mit Gewinn verkaufen, schreibt Kuspit, dennoch
sei "das Verkaufen nicht das Wesentliche einer Avantgarde-Galerie".
Können Sie dazu bezogen auf Ihre eigene Galerietätigkeit etwas
sagen? Gibt es aus Ihrer Sicht bis heute Avantgarde-Galerien in dem
Sinne, dass die erkenntnisstiftenden Momente des eigenen Tuns im Zentrum
stehen, und nicht die ökonomischen? Wie sind im Laufe der Jahre
bei Ihnen die Entscheidungen verlaufen über die Frage, was bleibt
im Sinne einer "privaten Sammlung" in der Galerie, was ist
für Sie aus welchen Überlegungen heraus "Sammlungsteil"
geworden, was ist verkauft worden? Das ist jetzt ein grosses Feld, aber
vielleicht gibt es da eine Linie, wo Sie sagen würden, dass die
Anfänge in den sechziger Jahren verbunden waren mit Entscheidungen,
einzelne Werke zu kaufen, weil damit eine wesentliche Auseinandersetzung
verbunden war, ich denke etwa an das Werk von Peter Roehr.
PM: Es fing eigentlich ganz anders an. 1967 hatte ich den Künstler
Konrad Lueg zu einer Ausstellung eingeladen - zusammen mit ein paar
anderen damals noch Unbekannten, also Richard Long, Jan Dibbets, Barry
Flanagan, Peter Roehr usw.: "Dies alles Herzchen wird einmal Dir
gehören", in Frankfurt am Main. Und Ende desselben Jahres
kam Konrad, der sich mittlerweile Fischer nannte, auf mich zu und fragte:
"Wollen wir nicht zusammen eine Galerie aufmachen?" Und ich
habe gesagt: "Bist Du wahnsinnig? Guck doch mal, was hier los ist
mit der Springer-Presse, mit Rudi Dutschke, mit Vietnam. Da kann man
doch jetzt keine Galerie aufmachen." Er hat es dann kurz darauf
trotzdem getan, in Düsseldorf. Und die Galerie war sehr gut, wie
wir alle wissen. Ich selbst habe einfach zwei Jahre länger gebraucht,
was meine Selbstvergewisserung, was die Kunst, was die Gesellschaft
und die eigenen Ziele anging. Mit Gerd de Vries, der seitdem mein Partner
ist, habe ich mir dann in einem Kölner Hinterhof die ersten Galerieräume
besorgt. Übrigens haben solche aus der Not geborenen Räume
dann ja auch zu einer völlig neuen Form von Galerie geführt,
von Turin bis Amsterdam, auch was die Funktion betrifft. Man darf nicht
vergessen, dass die- se Loft-Galerien, wie es später hiess, vorher
nicht existiert haben. Tatsächlich wurde die Galerie in den meisten
Fällen zur Werkstatt. Die Künstler bekamen ein Ticket, und
die Kunst entstand vor Ort. So hat sich im Laufe der Zeit ein ganz neuartiger
Galerietypus entwickelt. Heute ist er die Regel und gehört als
"Look" ja direkt zum Kunstgeschäft. Der ursprünglich
arme, asketische Fabrikraum wird von Designern inzwischen geradezu simuliert,
also Mary Boone als Prada-Version von Fischer, wenn Sie so wollen. So
fing die Geschichte jedenfalls an. Im Laufe der Jahre wurden dann unsere
Fabriketagen zwar immer grösser und prächtiger, aber die Hinterhöfe
haben wir wohlweislich nie verlassen.
FN:
Haben Sie damals bereits mit den Künstlern gearbeitet, die Sie
auch später vertreten haben? In vielen Galerien gibt es ja einen
ziemli-chen Flux an Künstlern, der sich am Kunstmarkt orientiert,
und nur selten bleibt der ursprüngliche Stamm bis zum Schluss vorhanden.
PM: Ja, und mit den meisten hat sich das gute Verhältnis
bis heute, also 30 Jahre lang gehalten. Eröffnet wurde die Galerie
mit Hans Haacke, den ich natürlich auch heute noch sehe, wenn er
hier in Berlin - zum Beispiel im Reichstag - etwas macht, und es ging
dann ziemlich zügig weiter mit Joseph Kosuth, der damals die, sagen
wir mal harte Seite der konzeptuellen Kunst vertrat. Dann kamen weitere
Künstler, meistens zum ersten Mal in Deutschland, von Giulio Paolini
bis Daniel Buren. Also die Kunst der Zeit. Natürlich liegt eine
gewisse Genugtuung darin, dass ein Grossteil, sogar der überwiegende
Teil dieser Künstler dann tatsächlich auch das Bild der Kunst
in den nächsten 20 Jahren massgeblich geprägt hat und eigentlich
heute allgemein geschätzt wird. Das gilt für Anselm Kiefer,
für Keith Haring, für Hanne Darboven - für die meisten.
RW: Noch mal,
die Frage: welche Werke sind aus verschiedensten Gründen im Depot
geblieben, welche sind im Gefolge einer bewussten Entscheidung in den
Grundstock einer als "privat" angesehenen Sammlung eingegangen?
Oder vielleicht war das nicht zu trennen und musste auch nicht getrennt
werden? Gab es auch Momente, wo Sie ganz spontan, während der Entstehung
eines Werks, entschieden haben: "das möchte ich behalten,
das geht nicht in den Verkauf". Wie ist der Prozess verlaufen,
der zur "Sammlung Paul Maenz im Neuen Museum Weimar" geführt
hat, wo ja immerhin jetzt rund 440 Bilder, Skulpturen und Installationen,
eine umfangreiche graphische Sammlung sowie, als Geschenk von Ihrem
langjährigen Partner Gerd de Vries, eine rund viertausend Bände
umfassende Bibliothek versammelt sind?
PM: Während der aktiven, intensiven Anfangsjahre war an
eigenes Sammeln eigentlich gar nicht zu denken, natürlich auch
aus Geldgründen. Das alles entstehen und sich entwickeln zu sehen
war ein derartiges Faszinosum, dass der Besitztrieb wirklich sekundär
schien. Wir waren ja tatsächlich mittendrin. Um Kosuth zu zitieren:
"Diese Kunst hat keine Betrachter, sondern nur Beteiligte."
Und so sahen wir - die Händler und Sammler - uns auch. Es war ja,
anders als heute, eine ziemlich überschaubare Gruppe, sozusagen
eine "kleine radikale Minderheit", wie man damals sagte. Zu
den Eröffnungen kamen oft jahrelang die gleichen sieben Leute.
Und am Ende der Ausstellung hat man dann dem Künstler hoch befriedigt
geschrieben: "Achtundfünfzig Besucher - tolles Ergebnis".
Das galt als echter Erfolg, denn diese achtundfünfzig Leute - auch
das ist anders als heute - waren wirklich 'Beteiligte'. Trotzdem fanden
oft gerade die guten Arbeiten keinen Käufer, sondern wurden von
einem Jahresabschluss in den nächsten geschleppt. Irgendwann hat
man dann beschlossen, sie beiseite zu tun für den Tag, wo 'ihre
Stunde schlagen', das heisst, wo ihre Museumswürdigkeit erkannt
würde. Jedenfalls hatte sich bei uns aus den verschiedensten Motiven
einiges an Kunst angesammelt.
Dennoch, als ich Anfang der 90er Jahre mit Weimar zusammenkam, habe
ich nur zögerlich von einer "Sammlung" gesprochen, aber
dann zusammen mit Gerd de Vries versucht, der Sache eine Form zu geben.
Das ja, das nein, jenes muss dazugekauft werden usw. Trotzdem sehe ich
das Ganze nach wie vor weniger als "Sammlung", sondern eher
wie ein grosses Knäuel mit heraushängenden Fäden.
Und die Chance des Museums wäre, an die losen Enden anzuknüpfen,
sie zu verbinden und an dem Gewebe weiterzuspinnen. Einer derartigen
Arbeit würde entgegenkommen, dass die vorgegebenen Fäden ziemlich
verschiedenartig sind. Wenn man zum Beispiel am deutschen Mythos stricken
wollte, könnte man Kiefer als Ausgangspunkt nehmen, aber auch die
'Italianità' von Paolini könnte im Falle Weimars interessant
sein. Natürlich gibt es auch regelrechte Werkgruppen und Komplexe,
die in sich rund sind, inklusive einer Reihe von 'Blue Chips', wie man
sagt, die inzwischen international zur musealen Leitwährung gehören.
Trotzdem, ich zögere auch heute noch, von einer Sammlung zu sprechen.
RW:
Die Verantwortung des Galeristen, so schreibt Kuspit an anderer Stelle,
liege nicht nur in der Wahl der Künstler, sondern auch in den Entscheidungen
hinsichtlich der Präsentation, mit denen der Galerist in den künstlerischen
Prozess eingreift, sich zum aktiven Teil von diesem macht. Wenn man
heute die fotografischen Dokumentationen der Ausstellungen in den verschiedenen
Räumen Ihrer Galerie zwischen 1970 und 1990 anschaut, dann ist
so etwas wie eine 'emphatische' Radikalität und Genauigkeit hinsichtlich
der Präsentation unübersehbar, ja, die Art der Präsentation
in ihrem Bezug zu den räumlichen Gegebenheiten bringt die künstlerische
Argumentation gewissermassen auf den Punkt. Nun haben Sie, mit der Übergabe
an das Neue Museum in Weimar, einen grossen Teil Ihrer Sammlung aus
der Hand gegeben und haben damit nur noch bedingt Einfluss auf die Präsentation.
Was bedeutet das für Sie?
PM: Oft war der Moment, in dem ein Kunstwerk zum ersten Mal in
der Galerie gezeigt wurde, auch seine Uraufführung, seine Geburtsstunde,
und die Umstände der ersten Präsentation bestimmten natürlich
oft genug auch die erste "Erscheinungsform" des neuen Kunstwerks
mit. Insofern war man als Galerist auch in die Realisierung involviert.
Also beispielsweise: in der konzeptuellen Zeit gingen manche Künstler
aus Amerika in Köln erstmal in den Schreibwarenladen, weil wir
hier natürlich selbst beim Bürobedarf eine andere Ästhetik
haben als die Amerikaner. Für solche Künstler war so ein Laden
anregend, um nicht zu sagen exotisch. Und so ging das weiter, auch die
Galerie selbst sah nicht aus wie eine in New York. Und an dem, was bei
uns vor Ort entwickelt wurde, war man dann als Galerist, besser gesagt
als Assistent beteiligt, inhaltlich wie formal. Und mein Hintergrund,
der ja mit Design und Grafik zu tun hatte, machte mich dabei zu einem
ganz brauchbaren Partner, abgesehen davon, dass ich die eigenen Räume
natürlich kannte wie meine Westentasche und am besten wusste, was
wo und wie die beste Wirkung hatte. Insofern hat das Museum später
zusammen mit den Werken oft auch einen Gutteil der "historischen
Entstehungsprozesse" mitgeerbt, die zu bestimmten Kunstwerken geführt
haben. Und selbstverständlich hat sich auch die eigene Handschrift
durch die Künstler geformt und entwickelt, ist also unvermeidlich
zeitgeprägt und zeitgebunden. Vermutlich würde ich deshalb
heute auch eine Ausstellung aktueller Kunst gewissermassen mit den Augen
der 60er und 70er Jahre einrichten. Eine visuelle Sprache, die sicher
noch weitgehend verständlich ist. Ich nehme an, dass sie sogar
für die 'Übersetzertätigkeit', aus der die Arbeit des
Galeristen, aber auch des Kurators besteht, noch weitgehend taugt. Als
Galerist steht man ja sozusagen zwischen zwei Polen, hier der Künstler,
dort der Sammler, und wenn man Glück hat, kriegt man die 'Übersetzung'
so hin, dass ohne zu grosse Simplifizierung oder Missverständnisse
die Lernschritte so ablaufen, dass es funktioniert. Dass also die Vermittlung
zwischen dem Künstler mit seiner verbalen Sprachlosigkeit und dem
unvorbereiteten, vielleicht überforderten Sammler zu etwas führt.
Natürlich auch zum Geschäft.
RW: Nach 1990
hat sich Ihre Sammeltätigkeit von den Kontexten galeristischer
Tätigkeit und Verpflichtung gelöst; Aspekte von entdecken,
präsentieren, vermitteln und vermarkten standen damit nicht mehr
im Vordergrund. War das für den Sammler Paul Maenz eine Befreiung?
PM:
Vielleicht weniger eine Befreiung als ein folgerichtiger Akt, abgesehen
davon, dass Anfang und Ende ja irgendwie zusammengehören. Gerd
de Vries hat mich schliesslich daran erinnert, dass ich schon am Anfang
immer gesagt hätte, wir müssten die Galerie eines Tages rechtzeitig
schliessen und zum richtigen Zeitpunkt aufhören. Mir war das längst
entfallen. Ich denke, nach zwanzig Jahren war vor allem die Einsicht
entscheidend, dass ich für junge Künstler - die einzigen,
die mich für die Galerie im Grunde interessierten - inzwischen
die Vätergeneration darstellte. Für manchen ehrgeizigen Newcomer
machte das den Laden vielleicht besonders interessant. Aber die gegenseitige
Identifikation, die auch irgendwie generationsspezifisch ist, war damit
ja noch nicht hergestellt. Ich glaube wirklich, dass diese Identifikation,
dieses "Ziehen-am-selben-Strang", für die Glaubwürdigkeit,
für die Überzeugungskraft, also für die Partnerschaft
von Künstler und Galerie eine Voraussetzung ist. Ich kenne jedenfalls
keine 'alte' Galerie, wo junge Künstler, wenn sie richtig interessant
sind, gut aufgehoben wären; umgekehrt genauso.
RW: Donald
Kuspit stellt zwei grundlegende Kriterien für eine Avantgarde-Galerie
auf: sie sei erstens "ein Raum kritischer, gegenläufiger Hinterfragung
der Gesellschaft", eine "Metapher für einen alternativen
psychosozialen Raum"; sie sei aber zweitens auch "der Ort
mystischer Kunst-Meditation" . Darf man vergleichbare Kriterien
auch an die öffentliche "Galerie" einer Firmensammlung
herantragen? Oder muss man hier als kritischer Betrachter erst durch
den "ökonomischen Verwertungsprozess" hindurch, den die
Kunst durchlaufen hat, um sich dem gesellschaftskritischen und meditativen
Potential öffnen zu können? Ihre lange Zusammenarbeit mit
Hans Haacke hat dazu geführt kritisch zu sehen, wer Kunst zu welchen
Zwecken verwertet oder einsetzt. Wenn Sie in unsere Ausstellungsräume
gehen: kann Kunst die genannten Kriterien erfüllen, oder sehen
Sie zuerst den 'Verwertungsprozess'?
PM: Wenn ich hier im Haus Huth in die Daimler Kunst Sammlung
komme, befinde ich mich in Gesellschaft von Kunst. Wenn ich dagegen
irgendwo in eine grosse Halle komme, wo die Firmensammlung zwischen
Cafeteria, Büros und Konferenzräumen plaziert ist, dann springen
einem manche Konflikte natürlich ins Auge. Der ganz offensichtliche
Verlust an affektiver Bindung, an persönlicher Zuständigkeit,
wie er bei Privatsammlern eine Rolle spielt, wäre ein Beispiel.
Hier im Haus Huth wird man jedenfalls zuerst einmal mit der Kunst konfrontiert,
mit der Ausstellung. Natürlich interessiert mich dann auch die
Frage, warum und wieso macht die Firma das? Der Eindruck ist: hier hat
eine Firmensammlung ihren Auftritt in der vermittelnden Form einer Kunstvereins-
oder Museumssituation. Manche Konflikte kann ich mir dabei durchaus
vorstellen. Zum Beispiel den, dass der vorrangige Auftrag des Unternehmens
eine real messbare Gewinnmaximierung ist, und der steht auf der anderen
Seite die, sagen wir, geistige Materie Kunst gegenüber, die viel
mehr auf Erkenntnismaximierung zielt. Die Spannung zwischen diesen Polen
wird wohl nicht immer ganz reibungslos sein, denke ich. Entscheidend
ist sicher, wie man mit so einer Bipolarität umgeht, ob sich aus
ihr Funken schlagen lassen. Unter Umständen müssen sich Künstler
gegen so eine Firma und ihre Erwartungen ebenso zur Wehr setzen wie
die Firma sich vor den Vereinnahmungsansprüchen mancher Künstler
hüten muss. Sicher oft kein ganz einfacher Akt.
FN Nein, dieser Balanceakt ist bestimmt nicht einfach zu bewältigen,
insbesondere wenn man als Firmensammlung neben einem spezifischen Qualitätsanspruch
einen kunsthistorischen, wissenschaftlichen Anspruch vertritt, wie wir
es tun. Ganz wesentlich ist überdies, was Sie gerade erwähnt
haben: Im Sammeln liegt auch immer das Herzblut, die Begeisterung für
die Kunst und natürlich die persönlichen Bindungen an die
Künstler.
PM: Das muss auch so sein, die Entscheidungen müssen immer
von der individuellen Energie getragen werden.
RW: Aber die
Unternehmen müssen auch den Mut haben, wie es bei Daimlergeschehen ist, individuelle Energie zu entwickeln und fachkundige Personen
einzustellen. Nachdem dieser erste Schritt begonnen hat, muss die Position
der Kunstveranwortlichen in den Unternehmen auch mit Kompetenzen und
Spielraum ausgestattet werden.
GW Aber das war doch von vornherein das Konzept der Kunst Sammlung Daimler, dass die Entscheidungen nicht in der Hand einer Jury
liegen, sondern bei einer Person.
RW: Das stimmt.
Aber das ist auch eine Ausnahme und war es vor allem in den Jahren der
Tätigkeit meines Vorgängers, Hans Baumgart. Solche verantwortliche
'Autorenschaft' eines Kurators wäre aber auch allgemein eine gute
Entwicklung. Wenn zu viele Personen am Entscheidungsprozess beteiligt
sind entsteht kein Gesicht. Und jede Sammlung braucht ein Gesicht.
PM: Ich denke, die Zeit in der nach dem Motto gesammelt wurde,
hauptsächlich die Firma fühlt sich wohl, ist längst vorbei.
Die klugen Firmen gehen doch mittlerweile an den Umgang mit Kunst ebenso
professionell heran wie an ihren eigentlichen Firmenauftrag. Die Kunstpositionen,
also die Stellen, die innerhalb der Firma für die Kunst verantwortlich
sind, werden sinnvollerweise auf dem gleichen Niveau besetzt wie das
Topmanagement auch. Anders lässt sich der Umgang, wenn er auf Augenhöhe
passieren soll, auch nicht herstellen.
FN: Ich glaube, es ist auch richtig so wie Daimlerherangeht.
Sowohl der Konzern als auch der Kunstbetrieb wissen, dass Frau Wiehager
einen Background als Museumsleiterin vorweisen kann, über exzellente
Verbindungen zur Kunstwelt verfügt, spezifische Interessen hat
und darüber ein eigenes professionelles 'Profil' entwickelt hat.
Allein über dieses Wissen entsteht ein Bild von der Sammlung, entstehen
Transparenz und ein Vertrauensverhältnis zwischen der Kunstwelt
und der Industrie. Darüber könnte auch endlich einmal mit
dem Vorurteil aufgeräumt werden, dass die Firmen die Künstler
nur ausbeuten. Tatsächlich profitieren doch beide voneinander …
PM: … das Kunststück besteht sicher darin, die Balance zu
halten. Darin liegt, könnte man sagen, auch der kreative Mehrwert
für beide. Ich bin mir sicher, dass viele Künstler durch den
Umgang mit einem grossen Konzern viel gelernt haben. Das alles sind
Lernprozesse - aber so verstehe ich den praktischen Umgang mit Kunst
sowieso immer.
RW: Frau Wendermann,
ein Frage an Sie zum Thema Sammlermuseum: Die FAZ hat sich in den 90er
Jahren - und wiederholt dies bis heute - immer wieder kritisch über
die wachsende Zahl von Sammlermuseen geäussert, in dem Sinne, dass
die genuinen Aufgaben der Museen - Sammeln, Bewahren, Ausstellen - aus
dem Blick geraten würden zugunsten einer 'geliehenen' glänzenden
Fassade. Wie sehen Sie diese Tendenz?
GW: Ich denke, für Weimar war es ein Glücksfall, dass
Paul Maenz seine Sammlung 1994 hierher gab. Immerhin war die Stadt über
Jahrzehnte hinter dem eisernen Vorhang von der internationalen Kunstentwicklung
abgeschnitten gewesen. Diese Lücke von über vierzig Jahren
hätten die Kunstsammlungen zu Weimar aus eigenen finanzi-ellen
Kräften nie schliessen können. Ausserdem war es sowohl das
Interesse von Paul Maenz als auch von den Kunstsammlungen, dass ein
gewichtiger Teil seiner Sammlung als Erwerbung und Schenkung dauerhaft
an Weimar gebunden ist. Wir verstehen die Sammlung Paul Maenz als grundlegende
Basis des Neuen Museums, die sinnvoll ausgebaut werden muss, auch mit
Unterstützung anderer Sammler. Paul Maenz hat seinerseits nie einen
Alleinvertretungsanspruch erhoben und so sind auch andere Sammlungen
im Haus vertreten. Das Haus soll offen sein für zeitgenössische
Kunst in jeder Form.
RW: Da gibt
es nicht die Situation, dass Sie sich kontinuierlich verteidigen müssen,
in Weimar oder sonst wo?
GW: Die Frage stellt sich natürlich schon. Insbesondere
nach der Eröffnung des Neuen Museums 1999 im Kulturstadtjahr Weimars
tauchte häufig die Kritik von Seiten ostdeutscher Besucher auf,
dass das Museum zu einseitig westlich orientiert sei. Diesem Vorwurf
sind wir entgegengetreten, indem wir im darauffolgenden Jahr eine Auswahl
aus unserem Bestand an Kunst der DDR präsentiert haben. Wir wollen
auch in Zukunft thematische Ausstellungen zu diesem Problembereich zeigen.
Abgesehen davon, dass Kunst immer international gesammelt wurde - auch
Goethe sammelte ja bekanntlich vorzugsweise italienische, aber auch
französische und niederländische Kunst -, muss man leider
sagen, dass unsere historisch gewachsene Sammlung von Kunst der DDR
im Vergleich etwa zu Dresden, Leipzig oder Berlin, aber auch zu Museen
in Altenburg und Gera sehr mittelmässig ist. Hier haben die jeweiligen
Direktoren bei Ankäufen nicht sehr viel Mut bewiesen und auch von
wichtigen Künstlern der DDR wie Wolfgang Mattheuer oder Bernhard
Heisig eher zweitrangige, beiläufige Werke erworben.
FN: Hätte denn das Museum damals auch einen entsprechenden
Etat gehabt, um gute, teure Werke für die Sammlung ankaufen zu
können?
GW: Ich denke, dass es zu DDR-Zeiten weniger eine Frage des Geldes
als vielmehr des Mutes und des persönlichen Kontaktes zu Künstlern
war, wichtige Werke jenseits des offiziell verordneten Realismus zu
erwerben. Manche Werke in unserem Depot sind auch nur von offiziellen
Bezirksbehörden zugewiesen worden.
RW: Wenn wir
jetzt noch einmal das von Paul Maenz geprägte Bild vom Wollknäuel
aufnehmen, aus dem Enden herausstehen. Wo knüpfen sie an? Wie finden
diese Entscheidungen statt? Gerade vor dem Hintergrund der existierenden
Sammlungen in Weimar?
GW: Wir versuchen, verschiedene Fäden aufzunehmen, indem
wir fortführen, ergänzen oder auch künstlerische Positionen
ein-führen, die nicht in der Sammlung Paul Maenz vertreten sind.
Manches ist Wunschdenken und scheitert an unserem geringen finanziellen
Spielraum, anderes konnte realisiert werden. So haben wir etwa als Ergänzung
zum umfangreichen Konvo- lut von Werken Peter Roehrs eine serielle Arbeit
von Herman de Vries erworben, der als Mitglied der niederländischen
Nul-Gruppe in den frühen 1960er Jahren Einfluss auf ihn hatte.
Ein Werk von Jan Schoonhoven wäre in diesem Zusammenhang, auch
im Dialog mit der herausragenden Piero Manzoni-Sammlung, eine wichtige
Erweiterung. Desweiteren konnten wir eine etwas isoliert in der Sammlung
stehende Arbeit von Imi Knoebel, die er als Reaktion auf den Tod von
Joseph Beuys schuf, ergänzen durch ein weiteres Werk eines Beuys-Schülers,
nämlich Blinky Palermo, sowie durch zwei Kreidezeichnungen von
Beuys selbst, die kurz vor seinem Tode entstanden und die wir als Leihgabe
erhielten. Wir versuchen aber auch durch Erwerbungen wie die Installation
Das Zimmer von Pipilotti Rist Anschluss zu finden an die jüngste
Generation in der Sammlung, wie etwa Angela Bulloch oder Sylvie Fleury.
Ausserdem möchten wir natürlich unsere Abteilung der Kunst
der DDR qualitativ verbessern. So haben wir von Michael Morgner, der
ja als Aussenseiter einen Sonderweg beschritten hat, ein zentrales Werk,
Deutsches Requiem von 1988, kaufen können. Wir bemühen uns
allerdings auch, unabhängig von der Zuordnung West oder Ost, Werke
von jüngeren deutschen Künstlern wie Via Lewandowsky oder
den Nicolai-Brüdern zu erwerben.
RW: Frau Wendermann,
wenn Sie das Verhältnis Kunst und Wirtschaft von Weimar aus verfolgen,
mit welchem Engagement etwa die Deutsche Bank in Frankfurt den Aufbau
einer Kunstsammlung betreibt, mit welchen Aktionen und Ausstellungsprojekten
Siemens hervortritt etc., welche Entwicklungen finden Sie da interessant?
GW: Es ist schon sehr aufschlussreich zu sehen, wie die Deutsche
Bank nicht nur eine grosse firmeneigene Sammlung aufbaut, sondern auch
in Zusammenarbeit mit dem Guggenheim Museum eine eigene Kunsthalle betreibt,
allerdings mit durchaus geringerem Einsatz für noch nicht so etablierte
Kunst. Ich persönlich finde das Siemens-Kulturprogramm interessanter,
wie etwa die "Zuspiel"-Ausstellungsreihe, die in verschiedenen
Kunstvereinen und Museen stattfand. Dabei wurden jeweils ein international
bekannter und ein jüngerer Künstler zu einem Gemeinschaftsprojekt
eingeladen. Dieses Konzept war sicherlich für alle Beteiligten
ein Gewinn und wurde meines Wissens auch vielfach kopiert.
RW: Wie weit
bekommt man von aussen mit, wie Corporate Collections sich entwickeln?
GW: Damit habe ich mich kaum beschäftigt.
RW: Das ist
ja vielleicht auch eine aufschlussreiche Aussage über die 'Nichtöffentlichkeit'
von Firmensammlungen?
GW: Es gibt natürlich Vorbehalte von Seiten der Museen,
die früher Nutzniesser des Mäzenatentums auch von Seiten grosser
Firmen waren und die sich heute mit dem Ehrgeiz dieser Corporate Collections
konfrontiert sehen, dass Unternehmen eigene Ausstellungshäuser
führen und stärkeren Einfluss auf den Kunstmarkt ausüben.
RW: Herr Maenz,
im Jahre 1979 haben Sie und Gerd de Vries eine Künstlerbefragung
durchgeführt, die sich mit folgender Frage an sieben Künstler
der Galerie wandte: "Was erwartest Du - in ideologischer, kommerzieller
und technischer Hinsicht - von einer Galerie, die innerhalb der gegenwärtigen
kulturellen/wirtschaftlichen Struktur tätig ist". (4) Wäre
es heute ein lohnenswertes Unterfangen, die Institution "Galerie"
durch "Firmensammlung" zu ersetzen und die Frage an Künstlerinnen
und Künstler zu richten, die in der Daimler Kunst Sammlung vertreten
sind? Oder ist grundsätzlich der kritische Kontext einer solchen
Frage heute nicht mehr gegeben?
PM: Wir existieren Dank unserer Vorurteile. Was die gegenseitige
Einschätzung betrifft, auch was das Selbstverständnis von
Firmen-, Privat- und Museumssammlungen angeht, liegt vieles im argen,
weil man sich oft schlecht kennt. Wir schleppen ja gerade hier zum Teil
noch Vorstellungen von 1968 mit uns herum, Schlagworte, die damals gestimmt
haben mögen, die motivierend und wichtig waren für die eigene
Positionsbestimmung.
Inzwischen ist auch die betreffende Generation als Museumsleute am Zuge
und kann sich oft von ihrer damaligen Prägung nicht mehr so recht
lösen. Bei den jüngeren Kuratoren gibt es diese Berührungsängste
weniger. Sie sind in einer anderen Zeit gross geworden und haben vor
allen Dingen von den Künstlern der eigenen Generation gelernt.
Und ein Künstler von heute sieht auch in einem Multi wie Daimlernicht mehr das Gespenst des Kapitalismus, sondern die hochkomplizierte
Realität, die so ein Konzern darstellt. Und exakt in dieser Komplexität
liegt für den intelligenten Künstler die Herausforderung.
Und was die Museen angeht: Nur durch das Verschwinden von Berührungsängsten
kommt man zu der Form von Partnerschaft, auf die die Museen inzwischen
ungeheuer angewiesen sind. Insofern kann auch eine Kooperation wie hier
zwischen dem Neuen Museum Weimar als Standort meiner Privatsammlung
und dem Industriegiganten Daimlerals Besitzer einer Firmensammlung
sinnvoll und für beide Seiten profitabel sein. Voraussetzung ist
natürlich, man weiss, was man will.
RW: .... und
das schafft man nicht, indem man Exklusivität verkörpern möchte,
sondern indem man sagt, das ist ein Spektrum, wir bringen das mit anderem
zusammen und möchten es gerne aus einer anderen Perspektive sehen.
Viele wollen über Exklusivität ihren Wert steigern ...
FN: .... Exklusivität schafft aber keine Öffentlichkeit,
sondern schreckt eher ab, was wir nicht möchten ...
RW: Richtig,
und ich glaube, dass wir hier an einem wichtigen Punkt dran sind. Die
Sammlung muss eine eigene Qualität haben, aber es muss bewusst
auch eine Qualität erarbeitet werden, wie Öffentlichkeit herzustellen
ist. Das ergibt sich nicht von selbst, da muss man als Kuratorin gestalterische
Verantwortung übernehmen.
RW: Frau Wendermann,
was hat Ihnen im langjährigen Umgang mit der Sammlung Paul Maenz
am meisten Spass gemacht? Sie haben dazu ja viel recherchiert, geschrieben
etc.
GW: Für mich ist wichtig, dass die Sammlung in die Tiefe
geht und dass es umfangreiche, sehr dichte Werkgruppen von Künstlern
gibt wie etwa Giulio Paolini, Salvo, Robert Barry oder Anselm Kiefer,
die eine grosse Authentizität besitzen und neben ihrem künstlerischen
Gehalt auch viel über die Zeit, in der sie entstanden sind, aussagen
und Rezeptionsgeschichte reflektieren.
FN: Sie sind am Umgang mit Werken interessiert, die in ihrer
Zeit aus ihren Zeitumständen heraus, sozusagen als Zeitzeugen,
aber auch als Meilensteine einer Entwicklung entstanden sind, verstehe
ich das richtig?
GW: Ja, es sind Werke aus frühen Entwicklungsphasen, als
die Künstler sich noch nicht durchgesetzt hatten. Das ist selten
in Museen und eine Qualität, die wir in Weimar fortführen
sollten. Ebenso das Sammeln in Werkkomplexen.
RW: Karl-Heinz
Hering in Krefeld oder Udo Kultermann in Morsbroich haben ja in schon
in den frühen 60er Jahren den Mut gehabt, aus Ausstellungen junger
unbekannter Künstler heraus zu kaufen - das waren damals Namen
wie Yves Klein, Jean Tinguely, Piero Manzoni. Was solchen Mut zum Zeitgenössischen
betrifft, könnten manche Museen heute vielleicht noch offensiver
agieren.
GW: Das Thema unseres Gesprächs ist ja "Private"
und "Corporate". Eigentlich müsste die Sammlungsstrategie
eines Museums auch noch dazukommen. Hier wird oft nach vermeintlich
objektiven und sicheren Kriterien gesammelt, was eigentlich schädlich
ist, da sie zu uniformen Sammlungen führen, die absolut austauschbar
sind. Mein Wunsch für Weimar wäre es, künftig eine bessere
Balance zwischen Ausstellungen etablierter und ganz junger Positionen
zu finden und hieraus entsprechende Ankäufe zu machen, die neue
Akzente setzen und die Sammlung in die Zukunft führen.
RW: Ich arbeite
mittendrin in den Prozessen der zeitgenössischen Kunst. Ich versuche,
junge Künstler zu sammeln, sofern ein überzeugender und zusammenhängender
Werkkomplex erkennbar ist, und ich versuche die gewachsene Struktur
der Daimler Kunst Sammlung zu analysieren und vor Augen zu haben und
überlege mir, wo kann man noch Komplexe ergänzen etc. Dazu
kommt die kunsthistorische Sicht, die mit der Liebe zu den Objekten
verbunden ist.
PM: Wahrscheinlich ist das auch ein Grund für die Sympathie,
mit der die junge Kunstszene hier in Berlin auf Ihre Arbeit reagiert.
Ähnlich lebendig würde ich mir übrigens den Umgang Weimars
mit meiner Sammlung wünschen. Sie lebt davon, lebt dadurch, dass
man sie benutzt, dass sie in das eingebunden wird, was heute Sache ist.
Anders wird die Kunst doch nicht zu etwas, worüber das Publikum
sich freut, sich ärgert, was es sich aneignet und worüber
es am Ende mitreden kann. Wie Sie sicher wissen, hatten wir als Galerie-Motto
immer den Siegelaub-Ausspruch: "Art is to change what you expect
from it." Und als meine Werke später nach Weimar gingen, war
die Idee natürlich: Hier ist es nun, nun macht was damit. Es geht
ja nicht ums Besitzen, sondern ums Benutzen, wie John Cage mal gesagt
hat. Ich denke, anders läuft es doch nicht, auch hier in Berlin
nicht, oder?
RW: Ja, die
Leute schauen inzwischen herein, wer ist das, was macht sie. Und was
vor allem wichtig ist: Wir zeigen, neben und zusammen mit den etablierten
Namen von Josef Albers bis Robert Ryman, junge internationale Kunst.
FN: .... und wir riskieren etwas damit. Das Publikum honoriert
das auch, wir wollen es auf keinen Fall nur mit schönen Bildern
zuschütten und abfüttern. Unsere letzte Ausstellung "Geometrical
Affairs" zeigte Werke, die unbedingt zur Sammlungsgeschichte von
Daimlergehören und wesentlich das Sammlungsprofil geprägt
haben, wie Albers, Bill und Graeser. Die Ausstellung kam in der Öffentlichkeit
gut an. Die Erfahrung hat uns aber gelehrt, dass dem Publikum radikalere
Dinge besser gefallen. Ich erinnere mich, dass die erste Besucherin
von "Minimalism and After", die in den Zobernig-Raum kam,
laut "Wow, das ist doch mal was!" ausgerufen hat. Je radikaler
die Kunst ist, desto interessanter ist sie für das Publikum und
natürlich auch für uns, da sie zur Auseinandersetzung, zur
Diskussion anregt. Man darf die Ausstellungsbesucher wirklich nicht
unterschätzen, die wollen schliesslich etwas mit der Kunst erleben,
wie wir auch.
RW: Richtig, die Diskussion ist wichtig. Das ist ja das hauptsächliche
Movens meiner Arbeit, dass man die Menschen ermutigt, etwas zu formulieren,
etwas zu bewegen. Ich möchte Zusammenhänge herstellen, in
denen Menschen mit Kunst konfrontiert werden und den Status quo ihres
Denkens noch einmal überdenken müssen. Diesen Prozess zu initiieren
ist das Wesen von Kunst - und das kann eine Firmensammlung ebenso gut
leisten wie ein Museum, eine Galerie, ein Kunstverein. Man muss nur
schauen, dass man die Prämissen, die man hat, erkennt und richtig
damit umgeht.